1945 NS-Zwangslager in Berlin

Zu ende, aber nicht vorbei

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    Sonntag, 1. April 1945

    Groß-Berlin (...) bildet ein einziges Lager

    „Zu jener Zeit war Berlin mit Holzbaracken nur so  überzogen … In jeder noch so kleinen Lücke der Riesenstadt hatten sich Fluchten brauner, teerpappegedeckter Fichtenholzquader eingenistet. Groß-Berlin, das heißt Berlin mit seinen Außenbezirken, bildet ein einziges Lager, ein meilenweites Lager, das sich zwischen den festen Bauten, den Denkmälern, den Bürohäusern, den Bahnhöfen, den Fabriken hinkrümelt.“


    So beschrieb der ehemalige französische Zwangsarbeiter und spätere Mitbegründer der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo", François Cavanna, nach dem Krieg die Situation in Berlin.

    Rund 3.000 Sammelunterkünfte gab es im ganzen Stadtgebiet. Als Berlin am 2. Mai 1945 vor der Roten Armee kapitulierte, befanden sich etwa 370.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus ganz Europa in der Stadt. Die meisten von ihnen waren gegen ihren Willen nach Deutschland verschleppt worden. Sie arbeiteten in der Rüstungsindustrie, in kleineren und mittleren Betrieben jeglicher Art, für die Kirchen, den Magistrat und die Bezirke, in Privathaushalten.
    Während Zwangsarbeit vor dem Zweiten Weltkrieg vor allem auch als Mittel der Diskriminierung und Verfolgung bestimmter Bevölkerungsgruppen diente, so etwa Jüdinnen und Juden, Sinti/Sintezza, Roma/Romnija sowie als „asozial“ Diskriminierte, wurden im Verlauf des Krieges immer mehr "Zivilist*innen" aus ganz Europa zur Zwangsarbeit nach Berlin verschleppt. 

    Viele Zwangsarbeiter*innen in Berlin erlebten das Frühjahr 1945 als Befreiung. Die meisten westeuropäsichen Zivilarbeiter*innen konnte noch im Sommer 1945 in die Heimat zurückkehren. Eine große Zahl ehemaliger „Ostarbeiterinnen“ und „Ostarbeiter“ hingegen musste sich in so genannten „Prüf- und Filtrationslagern“ des sowjetischen Geheimdienstes umfangreichen Verhören unterziehen. Nicht wenige wurden in Straflager verschleppt. Andere wiederum rekrutierte die Rote Armee noch vor Ort in die eigenen Reihen.

    Tags: Cavanna | Tempelhof
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    Dienstag, 3. April 1945

    „Normalität“ bis zum Ende?

    Auch im Winter und Frühjahr 1945 waren zahlreiche Zwangsarbeiter*innen trotz anhaltender Luftangriffe und der immer näher rückenden Front im gesamten Berliner Stadtgebiet unterwegs. Davon zeugen diverse Zeitzeugenberichte und Dokumente. So etwa auch ein Ausweis zur Benutzung der Berliner S-Bahn von Januar 1945 und eine Monatskarte für den April 1945, ausgestellt am S-Bahnhof Adlershof. Sie gehörten dem italienischen Zwangsarbeiter Ettore Gorla, der bei der AEG und im Straßenbau arbeiten musste. Gemeinsam mit 400 anderen Italienern war er im GBI-Lager 75/76 interniert (heute Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit). Auf einem Liniennetz der Berliner S-Bahn und U-Bahn hatte Gorla mit einem Bleistift den Standort seines Lagers in der Stadt markiert.

    Im März und April 1945 fuhren öffentliche Verkehrsmittel kaum noch zuverlässig. Durch die zahlreichen Bombentreffer war die Berliner Infrastruktur so sehr eingeschränkt, dass viele Zwangsarbeiter*innen kilometerweit zu ihren Arbeitsplätzen laufen mussten.

    Den Luftangriffen und Detonationen der letzten Kriegsmonate waren sie fast schutzlos ausgeliefert. Öffentliche und betriebseigene Luftschutzbunker waren der Berliner Bevölkerung oder den deutschen Mitarbeiter*innen vorbehalten. Die meisten Lager verfügten über keine eigenen Luftschutzkeller.
    Obwohl die Zerstörung durch alliierte Bombenangriffe der Stadt stark zusetzte, waren viele Zwangsarbeiter*innen bis zuletzt gezwungen an ihren Arbeitsplätzen zu erscheinen. Nicht wenige erlebten so die Befreiung an ihrem Einsatzort.

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    Samstag, 7. April 1945

    Charlottenburger Tor: Einsatz unter Lebensgefahr

    Die letzten Monate des Krieges waren von Auflösungserscheinungen, aber auch von zunehmender Lebensgefahr durch die Luftangriffe gekennzeichnet.
    Etwa 14.000 Menschen waren in der Reichshauptstadt ständig für den Luftschutz tätig. Dass sich darunter auch viele Zwangsarbeiter*innen befanden ist hingegen kaum bekannt.

    So wurden zivile Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge für die Trümmerbeseitigung nach Bombentreffern oder die Entschärfung von Blindgängern eingesetzt. Ebenso mussten sie Verschüttete ausgraben und Leichen bestatten. Einige Zwangsarbeiter*innen trugen sogar die blauen oder grauen Uniformen der „Technischen Nothilfe“ - sie sollten jene Berliner „Nothelfer“ ersetzen, die inzwischen an der Front im Einsatz waren.

    Unter Lebensgefahr mussten in den letzten Kriegswochen auch immer mehr Zwangsarbeiter*innen beim Ausheben von Schützengräben und beim Errichten von Panzersperren helfen. So berichtet der ehemalige Zwangsarbeiter Euzebiusz Wiktorski: „Vor dem Einmarsch der Roten Armee wurde die Mehrheit der Leute zum Ausheben von Schützengräben und zu anderen Arbeiten außerhalb der Fabrik geschickt. Diejenigen, die im Betrieb blieben, demontierten, konservierten und versenkten die besseren Maschinen im Kanal.“

    Mit etwas Glück konnten die Zwangsarbeiter*innen in den Trümmern Lebensmittel finden, was diese Tätigkeit privilegiert erscheinen ließ. Zugleich setzten sie sich aber der Gefahr aus, als „Plünderer“ mit dem Tod bestraft zu werden.
     

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    Mittwoch, 11. April 1945

    Kazimiera Kosonowska, geb. Czarnecka

    „Im April beginnen die teppichartigen Bombardierungen. In nicht allzu großer Höhe fliegen ganze Staffeln von Flugzeugen und bombardieren systematisch die Stadt. Während eines Luftangriffs werden weitere Fabrikgebäude zerstört. Holländer versuchen, den Brand zu löschen und den Rest der Gebäude zu schützen.“

    „Eines sonnigen Apriltagesfahren wir mit einer großen Gruppe und dem Bewacher direkt von der Fabrik in die Stadt. Mit Erstaunen stellen wir fest, daß wir auf einen großen und schönen Charlottenburger Friedhof gelangen. Auf den sorgfältig gepflegten Wegen stehen Dutzende von Särgen, die auf das Begräbnis warten; es sind die Opfer der letzten Angriffe. Das Friedhofspersonal zeigt uns die Plätze, und wir werden gezwungen, die Gräber auszuheben.“

    „Es bricht Chaos und Panik unter den Deutschen aus. Seit ein paar Tagen fuhren in Eile, Tag und Nacht, unzählige Kolonnen von Militärwagen und anderen schweren Fahrzeugen vorbei. Man hört das stete Brummen der Motoren. Auf den Straßen sieht man ältere Männer und ganz kleine Jungen, die zur Verteidigung der Stadt bereit sind. Nach dem panikartigen Rückzug der deutschen Truppen wird es plötzlich still. Es herrscht eine merkwürdige Ruhe wie vor dem Sturm, die den ganzen Tag währt.“

    (Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Kazimiera Kosonowska an die Berliner Geschichtswerkstatt.)


    Kazimiera Czarnecka hilft nach Abschluss der Volksschule ihrem Vater in der Schmiede. Ein längerer Schulbesuch ist nicht möglich, denn die deutschen Besatzer haben alle weiterführenden Schulen geschlossen. Am 14. November 1942 muss sie sich unter Androhung einer Strafe für die gesamte Familie beim deutschen Arbeitsamt melden. Mit 18 Jahren wird sie von dort direkt ins Deutsche Reich verschleppt. Im Durchgangslager in Berlin-Wilhelmshagen sucht sich ein Vertreter der Firma »Gummiwerk Fr. M. Daubitz« Kazimiera Czarnecka als Zwangsarbeiterin aus. Sie kommt in ein Sammellager in Berlin-Adlershof, das zuvor von Kriegsgefangenen belegt war. Von dort aus muss Kazimiera Kosonowska jeden Tag 1,5 Kilometer in die Gummifabrik der Firma Daubitz laufen, wo sie unter schwersten Bedingungen in der Produktion von Gummihandschuhen für die Wehrmacht arbeitet.
    Ende des Jahres zieht die Belegschaft der Firma in ein Lager in der Köpenicker Straße in Rudow. Kosonowska arbeitet täglich 10 Stunden, im Lager gibt es keine medizinische Versorgung. So wie alle polnischen Zwangsarbeiter*innen, muss sie das „P“-Abzeichen ständig sichtbar auf ihrer Kleidung tragen. Von ihrem vermeintlichen Lohn bleibt nach allen Abzügen kaum etwas übrig. Im Mai 1943 schließt Kosonowska Freudnschaft mit jungen Polen aus einem Lager in Grünau. Diese Freundschaft fördert ihren Selbsterhaltungswillen.

    Während der immer stärker werdenden Luftangriffe versucht sich Kosonowska mit anderen Zwangsarbeiterinnen in mit Holzplatten abgedeckten Gräben hinter der Baracke zu schützen. In einem Brief an die Berliner Geschichtswerkstatt beschreibt sie eindrücklich die letzten Monate und Wochen vor der Befreiung.

     

    Tags: Polen
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    Samstag, 14. April 1945

    Gewalt gegen Zwangsarbeiter*innen am Kriegsende

    Während in Berlin in aller Eile Verteidigungsanlagen errichtet werden, stehen sowjetische Truppen bereits westlich der Oder. Angesichts der sich abzeichnenden Niederlage spitzt sich die Lage für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter weiter zu. Zahlreiche ausländische Arbeitskräfte und unzählige KZ-Häftlinge fallen der mörderischen Gewalt der letzten Kriegswochen durch Gestapo, SS, Wehrmacht und teilweise auch durch Einheiten des „Volkssturms“ zum Opfer.

    Bekannt geworden ist ein Befehl des "Reichsführers SS" Heinrich Himmler vom 14. April 1945 an die Kommandanten der Konzentrationslager und Leiter der Gefängnisse, der oftmals als Auftakt der „Todesmärsche“ bezeichnet wird: Kein Häftling dürfe lebend in die Hände der alliierten Truppen fallen. Auch wenn sich ein zentraler Befehl Himmlers zur Ermordung von KZ-Häftlingen und der ausländischen Zwangsarbeiter*innen – zumindest schriftlich – nicht belegen lässt, so sind auch die Evakuierungen der Lager und Gefängnisse in und um Berlin immer wieder von massiver Gewalt bis hin zu gezielten Erschießungen begleitet. Zehntausende KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen werden kurze Zeit später aus Sachsenhausen, Ravensbrück und anderen Lagern in westliche Richtung in Bewegung gesetzt. Kurz vor Kriegsende lässt die SS Gefängnisse, so etwa das Hausgefängnis der Gestapo in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, räumen und die Insassen hinrichten.

    Weit verbreitet unter der NS-Führung und der deutschen Zivilbevölkerung ist die Angst vor Widerstand und Racheaktionen durch die zivilen Zwangsarbeiter*innen und geflohenen Häftlinge. Im Berliner Stadtgebiet kommt es immer wieder zu Gewaltaktionen gegen ausländische Arbeiter*innen. So berichtet der ehemalige französische Zwangsarbeiter François Cavanna: „Mit strammgespannter Bauchhaut machen wir uns wieder auf den Weg zu unsrer elenden Baustelle. Die befindet sich in der Gegend Uhlandstraße. (…) Sie haben Dachbalken in die Trümmer gerammt. Sie haben drei Mädchen und einen Kerl dran festgebunden. Russen. Sie haben jedem eine Kugel ins Genick gejagt. Ihre zerschmetterten Köpfe hängen ihnen auf die Brust.“

     

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    Sonntag, 15. April 1945

    "Papierkrieg" über Berlin

    Den gesamten Krieg über war der Abwurf von Flugblättern über „feindlichem Gebiet“ wichtiger Bestandteil der psychologischen Kriegsführung. In den letzten Kriegswochen werfen die alliierten Streitkräfte Tausende von Flugblättern über dem Berliner Stadtgebiet ab. Darin fordern sie deutsche Soldaten zur Aufgabe oder zum Überlaufen auf und mahnen die Zivilbevölkerung, die Arbeit einzustellen, Schutz zu suchen und Widerstand zu leisten.

    Als "Feindpropaganda" bezeichnet, sind der Besitz und vor allem die Weitergabe solcher Flugblätter streng verboten und können mit Gefängnis oder Tod bestraft werden.

    Das Flugblatt vom 15. April 1945 stammt aus dem Besitz des ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters Józef Przedpełski. Przedpełski wird im September 1944 mit seiner schwangeren Frau Anna aus Łódź nach Berlin verschleppt. Dort müssen beide im Ausbesserungswerk der Reichsbahn in Schönweide (Adlergestell 153-43) arbeiten: „Diese Flugblätter wurden aus Flugzeugen über Berlin abgeworfen“, berichtet Przedpełski in einem Brief. „Sie sollten den Widerstandsgeist der deutschen Soldaten brechen, und bei der Gelegenheit ermutigten sie die ‚Ostarbeiter‘.“

    Kurz vor Kriegende werfen alliierte Flugzeuge auch Flugblätter ab, die sich direkt an Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter*innen richten. Mit Parolen wie „Fremdarbeiter: Disziplin beschleunigt die Heimkehr“ oder „Haltet Ordnung und Disziplin“, soll verhindert werden, dass es zu Chaos, Plünderungen und Gewalt durch befreite Zwangsarbeiter*innen kommt.

     

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    Montag, 16. April 1945

    "Schlacht um Berlin"

    Beginn der großangelegten Offensive auf Berlin. An den Seelower Höhen stehen 1 Million Rotarmist*innen vor den Toren der „Reichshauptstadt“. Während die NS-Führung immer noch den „Endsieg“ propagiert und junge sowie alte Berliner*innen zum „Volkssturm“ einzieht, müssen deutsche und ausländische Zivilist*innen Schützengräben ausheben und Barrikaden errichten. Bei vielen Zwangsarbeiter*innen in der Stadt wächst die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Der ehemalige französische Zwangsarbeiter Marcel Elola erinnert sich:

    „Ab einem ganz bestimmten Moment wussten wir, daß die Russen kommen würden. Ihre Jäger beschossen stellenweise im Tiefflug die Straßen… Es ist überflüssig zu sagen, daß die Angst der Berliner ihren Höhepunkt erreicht hat. Alles was die Wehrmacht, die SS und die Gestapo während der letzten fünf Jahre andere hat ertragen lassen, kam jetzt wie ein Boomerang zu ihnen zurück. Die überlebenden Deutschen glaubten, alle erschossen, gefoltert oder nach Sibirien geschickt zu werden. Insgesamt hatten sie ja auch nicht ganz Unrecht mit dieser Vorahnung. Als die Russen kamen, haben manche von ihnen die Kriegsgesetze so wenig respektiert, wie es die Deutschen einige wenige Jahre zuvor bei Ihnen getan hatten.“

    „Anfang April 1945 gibt es überall in der Stadt Explosionen. Es sind die russischen Granaten, die auf die Hauptstadt des Dritten Reiches niederprasseln. Kein Deutscher will sich das eingestehen. Das ist nicht das, was man ihnen im Radio erzählt. Wohl oder übel muß man sich jedoch irgendwann den Tatsachen stellen. Die Rote Armee steht vor den Toren Berlins.“

    „Viele Leute werden auf dem Weg zur Arbeit in den Straßen getötet. ‚Arbeit‘ ist übertrieben. Sagen wir einmal, daß sie sich wie Roboter zu dem Ort ihrer Arbeitsstelle begeben, sofern dieser noch existiert. Die Stromversorgung ist mit immer kürzeren Abständen unterbrochen. Man kann nicht mehr arbeiten.“


    (Quelle: Marcel Elola: „Ich war in Berlin“. Ein französischer Zwangsarbeiter in Deutschland 1943-1945, Berlin: Divers Gens/Edition Berliner Unterwelten, 2005, S. 88f.)

    Tags: Frankreich
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    Mittwoch, 18. April 1945

    Pietro Cavedaghi - "Siemens Wernerwerke"

    „Es ist Mitte April. Das Leben ist furchtbar hart geworden. Die Bombardierungen werden immer härter. Nachts wird sogar bis zu 6 Stunden gebombt, nicht einmal eine Stunde kann man durchschlafen. Die russischen Kanonen hört man nicht weit weg und die angloamerikanischen Flieger helfen ihnen mit ihrem tödlichen Feuer. So hoffen wir, dass es wirklich nur noch um ein paar Tage geht. Man kann das Lager nicht einmal mehr zur Arbeit verlassen. In der Stadt ist alles unterbrochen, auf den Zügen fahren nur noch deutsche Soldaten, die sich von allen Fronten zurückziehen.“

    „Die Russen sind in der Nähe von Berlin. Man sieht Hunderte und Aberhunderte russischer Maschinen, die auf die deutsche Artillerie einhämmern. Ein Geschwader nach dem anderen. Sie hämmern pausenlos auf die in Berlin zusammengezogenen deutschen Truppen ein und wir sind hier in der Stadt und kriegen die Tabletten [vermutl. Bomben], die von den deutschen Herren übrig sind, auf den Kopf. Die Russen versuchen, alle Züge, die mit Munition in der Stadt ankommen, in die Luft zu jagen. Kurzum, es wird klar, dass wir in der Falle sitzen. Die Russen umzingeln die Stadt. Nur Mut, jetzt geht es wirklich darum, die eigenen Haut zu retten.“


    Pietro Cavedaghi ist 19 Jahre alt, als er am 12. September 1943 von der Wehrmacht in Pinerolo gefangen genommen und in das Deutsche Reich verschleppt wird. Zunächst komme er so wie Tausende andere italienische Gefangene in das Durchgangslager Luckenwalde, dann nach Berlin. Er erhält die Nummer 115.265.III.A. und wird für die Arbeit bei den Siemens-Schuckertwerken in Spandau eingeteilt, wo er unter der Aufsicht bewaffneter Wachen arbeiten muss. Von seinem Lager in Weißensee aus, muss Cavedaghi jeden Tag eine Stunde mit der S-Bahn zur Arbeit fahren. Im September 1944 wird er in ein Lager nach Schöneweide verlegt, von wo aus er den weiten Weg zur Arbeit laufen muss. Kurz vor Kriegsende muss er als Maurer am Schlesischen Tor ein zerstörtes Postgebäude wieder aufbauen. Cavedaghis Bericht vom Kriegsende ist erstaunlich detailliert und führt auf eindrückliche Art und Weise die Situation vieler Zwangsarbeiter*innen in Berlin im Frühjahr 1945 vor Augen.

    Aus dem Tagebuch von Pietro Cavedaghi: „Der Schmerz und die Erinnerung. Tagebuch der Gefangenschaft in Deutschland (1943-1945), ital. Original: Il dolore a la sua memoria. Diario di prigionia in Germania (1943-1945,) Grafo 2005.“

    Tags: Italien
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    Freitag, 20. April 1945

    Wanda Tworkiewicz - Lager Johannisthal

    „Zu Hitlers Geburtstag am 20. April kamen Flugzeuge der Alliierten und warfen Flugblätter über unseren Arbeitsstellen ab. Es kursierte damals ein Scherz unter uns: Zu Hitlers Geburtstag werfen sie keine Bomben, sondern nur Flugblätter ab. Was darauf stand, habe ich nicht gesehen. Ich habe nur gesehen, wie sie herunterfielen… Ein Kollege namens Schulz hatte auf der Arbeit in den Tagen zuvor zu erkennen gegeben, dass er auch Polnisch versteht. Er kam aus Schlesien. Der hatte mich in diesem Wald gesehen, und am nächsten Tag auf der Arbeit sagte er zu mir auf Polnisch, in einer schlesischen Mundart: ‚Wanda, hast du diese Flugblätter gesehen? Ich habe eins.‘ – ‚Was steht da drin?‘ – ‚Wir sollten Schluss machen. Aber wie sollen wir Schluss machen, wenn sie uns bombardieren?‘."

    Wanda Tworkiewicz wird im Oktober 1943 aus der polnischen Stadt Łódź nach Berlin verschleppt. Nachdem sie zunächst in ein Sammellager in Brandenburg gebracht wird, wird sie schließlich in ein Barackenlager nach Berlin-Johannisthal geschickt. Hier muss sie im Werk des Flugzeugbauers Henschel arbeiten. Bei schweren Luftangriffen in der Nacht zum zweiten Weihnachtstag 1943 verlässt sie panikartig, nur mit einer Decke bedeckt das brennende Barackenlager. Während die Fabrik fast unversehrt bleibt, brennt das Lager fast vollständig nieder. Tworkiewicz wird daraufhin nach Schönefeld verlegt und muss nun täglich zu Fuß zur Arbeit nach Johannisthal laufen. Sie wird am 23.04.1945 in Schönefeld befreit.

    (Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Wanda Tworkiewicz an die Berliner Geschichtswerkstatt. Quelle: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt)

    Tags: Polen
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    Samstag, 21. April 1945

    Königs Wusterhausen: Todesmarsch Richtung Norden

    „Als sich die russischen Truppen im April 1945 Königs Wusterhausen näherten, wurden wir alle schleunigst nach Sachsenhausen verfrachtet. Da wiederholte sich in fast gleicher Grausamkeit das Bild von Ravensbrück, der Aufenthalt hier dauerte aber nicht sehr lange. Nach kurzer Zeit, wir konnten genau die sich nähernde Front hören und in der Nacht als rote Glut am Himmel leuchten sehen, wurde allen Häftlingen befohlen, sich auf den Weg zu machen. Das war der Todesmarsch. Die Baracken, so hieß es, wären mit Sprengstoff beladen und werden in die Luft gesprengt. Meine Mutter sagte aber, sie hätte keine Kraft mehr zu gehen, und es wäre ihr schon egal, wo und wie sie stürbe.“
    (Bericht von Dr. Richard Fagot)

    Richard Fagot entstammte einer assimilierten jüdischen Familie aus Łódź. Der Vater war Direktor einer der größten Gummifabriken in Polen. An Fagots viertem Geburtstag überfällt die Wehrmacht
    das Land. Wenig später muss er mit seiner Familie in das neu errichtete „Ghetto Litzmannstadt“ umziehen. Mit großem Glück entgeht Fagots Familie jedoch der Deportation nach Auschwitz: Gemeinsam mit einigen anderen Familien wird sie für die Produktion von Behelfsheimbauten für ausgebombte deutsche Familien in Königs Wusterhausen ausgewählt. Nach einem Zwischenstopp im KZ-Sachsenhausen wird die Familie getrennt. Der Vater wird nach Königs Wusterhausen verlegt. Fagot und seine Mutter schickt man, wie auch die anderen Frauen, in das KZ-Ravensbrück, wo sie unter katastrophalen Bedingungen den Winter überstehen. Im Februar 1945 werden die noch überlebenden Łódźer Frauen und etwa 30 Kinder „überraschend aus der Hölle geholt“ und nach Königs Wusterhausen gebracht.

    Hintergrund:
    Das KZ-Außenlager Königs Wusterhausen, südöstlich der Berliner Stadtgrenze gelegen, entstand 1944 und befand sich am Güterbahnhof, im östlichen Teil der Stadt Königs Wusterhausen (Storkower Straße/Priestergraben). Die meisten der insgesamt etwa 600 jüdischen Häftlinge des Lager stammten aus Łódź. Bei der Auflösung des Łódźer Ghettos waren sie von der SS für Aufräumarbeiten zurückgehalten und anschließend nach Königs Wusterhausen verlegt worden.
    Die Frauen im Lager mussten für die Firma Krupp Munitionskisten zusammennageln und „Winterbaukisten“ für LKW-Motoren von Siemens herstellen. Die Männer wurden in der nahegelegenen Produktion von Behelfsheimbauten eingesetzt.
    Wenige Tage vor der Befreiung des Lagers am 26. April 1945 wurde ein Teil der männlichen Gefangen nach Sachsenhausen gebracht und von dort aus auf den Todesmarsch Richtung Mecklenburg geschickt. Unter ihnen befand sich Dr. Richard Fagot. Von den Strapazen entkräftet, wurden viele der Häftlinge auf dem Marsch erschossen. Eine zweite Gruppe, bestehend aus Kindern und Frauen, musste zwischen dem 18. und 20. April 1945 den Fußmarsch vom KZ-Außenlager Königs Wusterhausen in Richtung Sachsenhausen antreten. Einige von ihnen wurden noch auf dem Weg nach Sachsenhausen von sowjetischen Truppen befreit. Die Wachmannschaften des Lagers flüchteten 22. April in ziviler Kleidung. Die Rote Armee erreichte das Lager am 26. April 1945.

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    April

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    Sonntag, 22. April 1945

    Teltow: Nikolaj Fjodorowitsch Galuschkow

    „Am 22. April wurden alle 37 Menschen herausgeführt. Wir wurden durchgezählt und gefesselt. Ich wurde mit Uljantschenko zusammengefesselt. Es wurden noch drei Leute dazu gebracht. So wurden wir 40. Darunter war eine Frau. Und ein alter Mann, der nicht ganz bei Verstand war. Wir wurden schnell weggeführt. In der Nähe gab es eine U-Bahn-Station. Ich habe vergessen, wie sie hieß. Wir kamen in die Friedrichstraße… Die Leute schauten uns an mit Schrecken, wir waren ja völlig abgezehrt. Halbskelette standen dort... Danach sind wir noch einmal umgestiegen. Ostkreuz… Ostbahn… Großbeeren, daran erinnere ich mich.“

    „Es gab eine sehr starke Bewachung bis Teltow. Weiter führte man uns zu Fuß… Wir haben das Ziel erreicht. Eine Baracke. Dort gab es einen SS-Verband, der uns entgegentrat. Wir wurden vor der Baracke aufgestellt. Als Kleidung hatten wir nur Hose und Hemd. Trotzdem wurden wir gründlich durchsucht. Eine gewisse Zeit später trat einer von der Truppe nach vorne: Schnell! Panzer!
    Dann mussten wir antreten. Wir klammerten uns aneinander. Ein SS-Mann schlug mich mit dem Gewehrkolben auf den Hinterkopf und ich ging zu Boden. Als die Schießerei begann, fielen alle um, sofort. Als ich wieder zu mir kam, war Stille, nur die Verwundeten stöhnten. Ich lag neben einem Haufen lebloser Körper und sah einen ersten russischen Panzer heranrollen. Die rettende Sowjetarmee hatte Berlin erreicht.“


    1942 wird Nikolaj Fjodorowitsch Galuschkow aus der russischen Stadt Perwomajskij in das Deutsche Reich verschleppt. Der 15-jährige wird als Totengräber in das „Friedhofslager“ an der Hermannstraße in Neukölln geschickt. Das Zwangslager wird eigens von den 42 Berliner Kirchengemeinden betrieben. Tag für Tag müssen Galuschkow und seine Kameraden im ganzen Stadtgebiet Gräber ausheben und Tote bestatten. Beim Versuch mit anderen Mitgliedern einer Widerstandsgruppe zu fliehen, fällt er der Gestapo in die Hände. Galuschkow wird in das Gestapo-Hausgefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht, wo man ihn und 30 andere Gefangene nach zwei Monaten Haft, Folter und Verhören zum Tod durch Erschießen verurteilt.
    Am 22. April schaffen SS-Leute Galuschkow und seine Mithäftlinge mit der S-Bahn nach Teltow, am südlichen Stadtrand von Berlin. Als das Erschießungskommando das Feuer auf die dichtgedrängte Gruppe eröffnet, wird Galuschkow unter den Körpern der anderen begraben. Er überlebt die Mordaktion in letzter Sekunde, als plötzlich sowjetische Panzer anrücken - die Gestapo zieht ab, noch bevor Galuschkow von den Schüssen getroffen wird.
    Unmittelbar nach der Befreiung zieht das sowjetische Militär Galuschkow zur Ableistung seines Wehrdienstes ein. Später zieht er nach Komi am nördlichen Polarkreis, dann nach Orel, nahe Moskau. Er arbeitet als Lokomotivheizer und Maschinist.

    Sonntag, 22. April 1945

    Heinersdorf: "Um 16 Uhr hatten wir unsere Freiheit wiedererlangt"

    „Der 22. April war ein Sonntag und ein warmer und sonniger Tag. Das Dröhnen war deutlich nähergekommen, angeblich befanden sich die Russen schon 20 km von uns entfernt. Die Bewohner von Osdorf versammelten sich vor ihren Häusern, man unterhielt sich aufgeregt. Es wurden irgendwelche Fuhrwerke vorbereitet, um nach Westen zu gelangen, bevor die Russen Berlin umzingeln. Ich hatte an diesem Tag einen freien Nachmittag und beeilte mich, nach Heinersdorf zu kommen. Meinen Koffer ließ ich im Keller zurück. Ich wollte nur noch Frau Müller sagen, dass ich weggehe. Da ich am Badezimmer vorbeigehen musste, bemerkte ich, dass es im Badezimmerofen brannte. Wozu hatte die Müller den Ofen angezündet? Ich ging hinein. Die Ofentür stand offen, und neben dem Ofen, an die Badewanne gelehnt, stand der leere Rahmen des großen Hitler-Bildes, das auf dem Ehrenplatz im Wohnzimmer gehangen hatte… Frau Müller fand ich auf dem Weg vor dem Haus. Auf meine Worte, dass ich nach Heinersdorf ginge, entgegnete sie nichts. Ich ging schnell davon – und habe sie nie wieder gesehen.“

    „Vom frühen Morgen an lebten alle in großer Aufregung. Die in Heinersdorf beschäftigten Polen wollten die Russen auf würdige Art begrüßen. Am Abend zuvor hatten sie die alte Ciesielska dazu überredet, auf ihrer Handnähmaschine eine polnische Fahne zu nähen. Am Morgen schlichen sie sich auf den Turm des Gutshauses und hängten die Flagge an den Mast. Um 10 Uhr entdeckten die Deutschen die Fahne, aber keiner von ihnen brachte den Mut auf, auf den Turm zu steigen und sie abzunehmen. Nur der Gendarm verhaftete Zdisiek Ciesielski, den Hauptschuldigen. Man wusste nicht, was mit ihm wird. Es wurde erzählt, man wolle ihn erschießen. Das haben sie aber nicht mehr geschafft, weil die Schießerei ganz nahegekommen war..."

    „Plötzlich liefen einige deutsche Soldaten am Haus entlang, verschwitzt und außer Atem, dann riefen noch einige nach Wasser, und plötzlich hörten wir russische Rufe. Wieder brach eine scharfe Schießerei los, diesmal gleich hinter uns, neben der Scheune, und in unsere Wohnung stürzten zwei sowjetische Soldaten. Sie fragten schnell nach den Deutschen und liefen weiter.
    Am 22. April um 16 Uhr hatten wir unsere Freiheit wiedererlangt.“


    Hintergrund:
    Im Mai 1941 wird Ludomiła Szuwalska in ihrer polnischen Heimat von deutschen Gendarmen aus dem Schlaf gerissen und zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich geschickt. Sie gelangt zunächst in ein Sammellager im Nordosten Berlin. Wenige Tage später wird die Familie zur Arbeit in der Landwirtschaft auf einem Gutshof in Heinersdorf, südlich der Berliner Stadtgrenze, gebracht. Einst im Besitz einer jüdischen Familie, war der Guts-Komplex nach 1933 enteignet und der Berliner Stadtverwaltung übergeben worden. Dort arbeiten bereits mehrere polnische Familien und leben auf engstem Raum zusammen. Im Juni 1942 wird Szuwalska von ihrer Familie getrennt und auf den Hof der offen vom Nationalsozialismus überzeugten Familie Müller, im benachbarten Osdorf
    geschickt. Hier muss sie ohne Heizung in einer winzigen Dachkammer leben und im Haus sowie im Garten arbeiten.

    Tags: Polen
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    April

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    Montag, 23. April 1945

    Hermsdorf: Ausweis des Zangsarbeiters Marino Arletti

    Am 23. April rücken sowjetische Truppen aus dem Norden nach Berlin-Tegel vor, wo sie sich dreitägige Kämpfe mit einem Werkschutz-Battailon liefern. Unterdessen umgehen einzelne Einheiten das Gebiet über Waidmannslust, Wittenau und Hermsdorf. Hier wird der 22-jährige italienische Zwangsarbeiter Marino Arletti befreit. In einer Notiz auf der Rückseite seines Ausweises hält er fest:

    „Berlin 23.04.1945. Ein Tag, der mir unvergessen bleiben wird. Ich danke Gott, dass ich gesund und in Sicherheit bin. Gestern sind die russischen Truppen eingetroffen, sie sind gekommen, um uns zu befreien. Ich hätte nie gedacht, dass sie so gut sein würden. Ein russischer Unteroffizier kam zu mir und ich habe ihm den Bart gemacht [geschoren]. Doch genug davon, ich muss gehen, um die Soße vorzubereiten… wir kochen Gnocchi.“

    Tags: Italien

    Montag, 23. April 1945

    Tegel: Befreiung von Jean René

    Jean René wird als Kind einer Bauernfamilie 1905 in Bazas in der Gironde geboren. Als Zimmermann tätig, wird er 1939 vom französischen Militär für die Artillerie eingezogen. Am 18. Juni 1940 nehmen ihn deutsche Einheiten in der Nähe von Paris gefangen und bringen René zunächst gemeinsam mit anderen Gefangene in das Stalag IIID bei Berlin. Als Kriegsgefangener muss er in Berlin hart arbeiten, zunächst in einem Wasserwerk, anschließend in einem Schuppen am Bahnhof Grünau, dann für Zementarbeiten bei der Firma Rohmberg. Vom Lager in Grünau, wird René nach Mariendorf verlegt. Seinen Weg zu Arbeit legt er täglich mit der U-Bahn zurück. Im November 1944 wird er wieder verlegt, diesmal in ein Lager in Berlin-Tegel. René arbeitet nun für eine Schreinerei. Von seinen Erlebnissen in Berlin und seiner Befreiung schreibt Jean René eindringlichen in seinen Tagebüchern, die erst viele Jahre später von seinem Sohn Hervé gefunden werden:

    „Ich habe eine recht gute Nacht verbracht, trotz ununterbrochenem Beschuss. Heute keine Arbeit: Ich glaube, dass die Arbeit bei den Bausteinwerken vorbei ist. Gestern Abend kam der Chef, um uns Lebewohl zu sagen; er hatte Tränen in den Augen. Der Tonfall hat sich in den fünf Jahren verändert. Es ist trotz allem traurig, denn hier ist es wie überall: Es gibt gute Menschen, die leider nicht in der Mehrzahl sind, und sie sind es, die leiden müssen.
    Es ist 8 Uhr. Ich werde im Bunker schlafen, denn die Kugeln kommen von allen Seiten, es ist keine gute Idee, in der Baracke zu schlafen! Heue früh dachte ich, ich hätte die Russen in Tegel gesehen, aber es donnert immer noch. Es stimmt, dass noch nicht aller Tage Abend ist…


    Ich musste heute Morgen mit dem Schreiben aufhören, als um acht, gerade als ich am wenigsten damit rechnete, heute befreit zu werden, die ersten russischen Soldaten vorbeiliefen. Wir sahen zuerst Infanteristen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wir uns seit heute Morgen um 8 Uhr freuen, denn nicht weit hinter der Infanterie kamen Panzer und Hunderte mehr. Alle Ausländer sind auf den Bürgersteigen und die Freude steht allen ins Gesicht geschrieben. Die Deutschen verstecken sich in den Häusern; viele Fahrzeuge haben angehalten, um uns Zigaretten und Brot zu geben.“

    (Quelle: „Ein Spielball in den Wirren des Krieges. Tagebuch eines Kriegsgefangenen,“ Hrsg. Hervé René, Saint-Denis: Edilivre, 2017)

  • 24

    April

    24

    Dienstag, 24. April 1945

    Lichtenberg: Umberto Palo und Rosemarie Heinze

    „Alle Bunkertüren waren fest verschlossen und verriegelt. Draußen wütete die Schlacht. Es ging rund. Von Mund zu Mund pflanzte es sich fort: Die Russen sind da! Auf dem Kalender stand: 24. April 1945. Nun war es also soweit: Alle wirkten sehr gefasst – sehr still. In der Schleusenkammer schufteten die wenigen Männer mit den größeren Jungen wie die Schwerarbeiter an dem Rad der Luftzufuhr, dass man in der Not selber drehen konnte. Ich glaube, sie bewahrten uns vor dem Erstickungstod.“

    (Erinnerungen der Berlinerin Rosemarie Erdmann, geb. Heinze; http://www.kindheit-und-politik.de/)

    Mit Begeisterung war Rosemarie Heinze als junges Mädchen beim „Bund Deutscher Mädels“ (BDM). So wie es sich für ein Mitglied der NS-Jugend gehörte, sammelte sie von Tür zu Tür Rohstoffe für den Sieg. Nach Kriegsausbruch ändert sich ihre Einstellung bald: Immer wieder beobachtet sie, wie aus dem berüchtigten „Arbeitserziehungslager Wuhlheide“ in Friedrichsfelde fast täglich ein Zug von Elendsgestalten vorüberzieht – ein Anblick, den sie nie mehr vergisst. Als sowjetische Truppen Berlin erreichen, erlebt Rosemarie Heinze traumatische Vergewaltigungen durch russische Soldaten. Ein befreiter Zwangsarbeiter aus Italien wird ihr Beschützer: Umberto Palo, aus jener Fleischfabrik im Lichtenberg Triftweg, in der der Vater Rosemaries seinen Arbeitsplatz hatte. Über mehrere Wochen hinweg versorgen Palo und andere befreite Italiener die Familie mit Lebensmitteln. Von der Befreiung bis zu seiner Heimkehr nach Italien bleibt Umberto Palo ein enger Freund der Familie Heinze. 15 Jahre später besucht Rosemarie Erdmann ihn zusammen mit ihrem Mann in Battipaglia bei Salerno.

    (Quelle: Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit)

    Neukölln: "Es lebe die Große Rote Armee!"

    „Es lebe die Große Rote Armee, unsere Befreiungsarmee!
    Dieser Tag ist der glücklichste Tag, so kann man sagen, in meinem jungen Leben. Ich, ein siebzehnjähriger Junge, wurde unter Zwang nach Deutschland verschleppt, zum Leiden und zum Kummer verurteilt. Die Rote Armee hat uns letzten Endes befreit. Jetzt kann ich nach Hause zurückkehren, jetzt kann ich Heimatluft mit voller Brust ein- und ausatmen. Ich werde frei für meine Heimat arbeiten...
    Als die Eroberung Berlins begann, war der Himmel von sowjetischen Flugzeugen voll. Die Faschisten verschanzten sich sehr gut. Ich befand mich mit einem Freund in einem Versteck nahe unserer Baracke. Die Kämpfe waren erbittert… Die Deutschen schossen noch mit den Maschinengewehren aus den Nachbarhäusern. Die Schlacht war aber bereits im Großen und Ganzen gewonnen. Jetzt sah ich mit eigenen Augen die Stärke der Roten Armee… Jetzt befinden wir uns unter Landsleuten. Ich war so froh! Ich begann zu weinen.“

    (Aus dem Tagebuch des ehemaligen Zwangsarbeiters Wasyl Timofejewitsch Kudrenko)

    Wasyl Timofejewitsch Kudrenko ist 16 Jahre alt, als er 1943 aus einem ukrainischen Dorf nach Berlin verschleppt wird. Als „Zwangsverpflichteter“ muss er auf Berliner Friedhöfen Gräber ausheben. Gemeinsam mit ca. 100 anderen „Ostarbeitern“ lebt Kudrenko in einem von der evangelischen Kirche betriebenen Zwangslager auf dem Friedhof der Jerusalems- und Neuen kirchgemeinde, zwischen Hermannstraße und Flughafen Tempelhof. In seinem Tagebuch notiert er Tag für Tag seinen Blick auf das Leben im Lager, die harte Arbeit, den Hunger und die alltägliche Bedrohung durch Bomben und Gestapo. Wie die meisten der männlichen ehemaligen „Ostarbeiter“ wird Kudrenko nach der Befreiung verhört und anschließend in die Rote Armee eingegliedert, um seinen Militärdienst abzuleisten.

    (Quelle: Wasyl Timofejewitsch Kudrenko, „Bist du Bandit?“, Berlin: Wichern-Verlag 2005, S. 72)

  • 25

    April

    25

    Mittwoch, 25. April 1945

    Gartenkolonie "Dreieinigkeit": Befreiung Hans Rosenthals

    Am 25. April 1945 erreichen sowjetische Einheiten die Kleingartenkolonie „Dreieinigkeit“ im Berliner Stadtteil Lichtenberg. Hier hält sich seit zwei Jahren der später als „Dalli, Dalli“-Quizmaster bekannte 20-jährige Hans Rosenthal versteckt. Er überlebt die Verfolgung und den Krieg dank der Hilfe der Kleingärtnerinnen Ida Jauch, Emma Harndt und Maria Schönebeck.

    Hans Rosenthal wuchs in einer jüdischen Familie in Berlin-Prenzlauer Berg auf. Als Kind erlebt er die wachsende antisemitische Verfolgung durch den Nationalsozialismus. Beide Eltern versterben schon früh, gemeinsam mit seinem Bruder Gert kommt Rosenthal in ein Heim für Waisen und muss den Namen Hans Israel Rosenthal übernehmen. Am 19. Oktober 1942 wird Gert Rosenthal nach Riga deportiert und kurze Zeit später im KZ-Majdanek ermordet. Auch andere Angehörige überleben den Holocaust nicht.

    Rosenthal gelangt in ein jüdisches Ausbildungslager (hebr. Hachschara) bei Sommerfeld in der Niederlausitz, wird nach dessen Verbot jedoch 1940 zur Zwangsarbeit als Totengräber für das Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde herangezogen. Später muss er als Akkordarbeiter in einer Konservenfabrik in Berlin-Weißensee und Torgelow arbeiten.

    Am 27. März 1943 gelingt ihm die Flucht. Mithilfe von Ida Jauch, einer nicht-jüdischen Bekannten seiner Mutter, taucht er in einem Schrebergarten der Kolonie „Dreieinigkeit“ in Lichtenberg unter. Hier leben vorwiegend Menschen aus einfachen Verhältnissen, die sich infolge von Arbeitsnot und Wohnungslosigkeit die Lauben zu bescheidenen Unterkünften ausgebaut hatten. Als die 58-Jährige überraschend stirbt, nimmt sich die Laubennachbarin und Freundin Jauchs, Maria Schönebeck, des jungen Hans Rosenthals an.

    Nach seiner Befreiung macht Hans Rosenthal 1945 eine Ausbildung beim Berliner Rundfunk, wo er danach als Regieassistent arbeitet. Wegen Konflikten mit den Aufsichtsgremien der sowjetisch gesteuerten Rundfunkanstalt geht er jedoch im Jahr 1948 in die Westsektoren und wechselt zum RIAS. Hier wird er als Entertainer einem großen Publikum bekannt, besonders mit seiner von 1971 bis 1986 gesendeten Quizshow „Dalli-Dalli”. Erst spät spricht Rosenthal über seine jüdische Vergangenheit in Deutschland. 1980 wird seine Autobiografie „Zwei Leben in Deutschland“ veröffentlicht.
     

    Aus den Erinnerungen Hans Rosenthals:

    „In der letzten Aprilwoche hörte ich außer dem Geschützdonner ein für mich neuartiges Geräusch: ein Rasseln, das die Erde beben ließ – Panzer. Panzerketten, Panzermotoren, dumpfe Einschläge. Das war nicht gerade Gesang in meinen Ohren. Aber es war der Klang der Freiheit…
    Ich verließ die Laube und lief, ohne weiter Rücksicht auf meine Situation zu nehmen, in die Richtung, aus der das Gerassel der Panzerketten kam. Hinter einer Hecke suchte ich Deckung. Und dann sah ich die Panzer kommen, schmutzige, lärmende Ungeheuer. Einer hielt neben mir an. Ich duckte mich. Ganz deutlich sah ich den Sowjetstern auf den Panzerplatten…
    Erst später erfuhr ich, daß hinter solchen Hecken Hitlerjungen und Männer vom ‚Volkssturm‘, dem letzten Aufgebot, gelauert und ‚Panzerfäuste‘ gegen die heranrückenden Panzer gerichtet hatten…
    Ich steckte stolz meinen ‚gelben Stern‘ ans Jackett und machte mich auf den Weg, den Befreiern entgegen. Vor Nazis hatte ich jetzt keine Angst mehr, obwohl die Möglichkeit eines Gegenstoßes durchaus noch bestand.“


    „Kurz vor dem Zentralviehhof stand ein russischer Panzer, seine Besatzung plaudernd daneben. Winkend strahlend, glücklich, näherte ich mich den Panzersoldaten. Einer von ihnen war Jude. Er begrüßte mich herzlich und sprach deutsch mit mir. Er müsse mit seinen Kameraden in wenigen Minuten auf die Innenstadt vorstoßen, sagte er. Ob er’s überleben würde, wer wüßte das schon. Ich drückte ihm die Hand. ‚Massel tov‘ sagte ich zu ihm – ‚viel Glück!‘“

    (Quelle: Hans Rosenthal, „Zwei Leben in Deutschland,“ Gustav Lübbe Verlag: Bergisch Gladbach, 1993, S. 87f.)
     

  • 26

    April

    26

    Donnerstag, 26. April 1945

    Flughafen Tempelhof: Zwangsarbeit für die Rüstung

    Am 26. April 1945 dringen sowjetische Truppen in Neukölln bis zum Hermannplatz vor und nehmen den Flughafen Tempelhof ein. Der Arbeitsbetrieb auf dem Flughafengelände war erst am Tag zuvor vollständig eingestellt worden. Zum Zeitpunkt der Befreiung befinden sich noch Hunderte Zwangsarbeiter*innen auf dem Flughafenareal. Bis zum Schluss mussten sie für die deutsche Luftfahrtindustrie und die Rüstungsproduktion des NS-Regimes in den Flugzeugfabriken des Flughafens arbeiten. Viele von ihnen lebten bis zum Kriegsende unter menschenunwürdigen Bedingungen, in mehreren von Stacheldraht umzäunten Barackenlagern auf dem Gelände. Andere waren in Gemeinschaftsunterkünften außerhalb des Flughafens untergebracht.

    Der ehemalige Zwangsarbeiter Karel Kincl erinnert sich: „Wir haben fast drei Wochen nur auf den Brettern der Bettgestelle geschlafen, ungewaschen, unrasiert, in Arbeitskleidung, und in dem, was von unserer Kleidung übrig geblieben war… Diejenige, die zu Erkältungen neigten, bekamen natürlich Fieber, Entzündungen der Atemwege und ähnliche Krankheiten.“

    Sie alle arbeiteten unter extremen Druck in der Produktion der „Deutschen Lufthansa“ und der „Weserflug“. Für die westeuropäischen Zwangsarbeiter*innen dauerten die Tag- und Nachtschichten in der Regel 12 Stunden, für die verschleppten „Ostarbeiter*innen“ teilweise bis zu 36 Stunden. Gestapo-Verhöre und Schläge waren an der Tagesordnung.

    Ende 1943 zerstörten schwere Bombenangriffe viele Baracken und einen Teil des alten Flughafengebäudes. In der Nacht vom 26. zum 27. April 1945 endet die Ausbeutung der Zwangsarbeiter*innen in Tempelhof – fast alle stehen nun jedoch vor neuen Herausforderungen: die Suche nach etwas Essbarem, nach Wasser und nach sicheren Schlafplätzen. Nicht wenige machen sich zu Fuß auf den Weg nach Hause.
    Seit den 1990 Jahren wird die Geschichte der Zwangsarbeit auf dem Tempelhofer Flughafen von zivilgesellschaftlichen Initiativen aufgearbeitet. Seit einigen Jahren finden auch archäologische Grabungen auf dem Gelände statt. Unter anderem dieses Thema behandelt die neue Wechselausstellung des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit „Ausgeschlossen. Archäologie der NS-Zwangslager.“

    (Quelle: Karel Kincl, Brief an Berliner Geschichtswerkstatt, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt)

    Tags: Tempelhof
  • 27
  • 28

    April

    28

    Samstag, 28. April 1945

    "Am 28. April ging in Klausdorf die Front durch": Maria Kawecka

    „Die Deutschen hatten einen Luftschutzraum, den wir nicht benutzen durften. Ich weiß noch, als am 28. April die Front neben uns war und der Beschuss von beiden Seiten andauerte, versteckte ich mich mit noch zwei Kolleginnen aus Angst in diesem Luftschutzraum; aber nach ein paar Minuten wurden wir entdeckt, und man warf uns hinaus. Unter diesem Beschuss mussten wir irgendeine Zuflucht finden. Wir entdeckten ein Loch, in die Erde gegraben, in dem wir die ganze Nacht verbrachten. Und morgens waren die russischen Truppen schon da.“

    Maria Kawecka wurde 1918 im polnischen Lewiny, 40 km von Łódź entfernt, geboren. Infolge der Besatzung Polens 1939 wurde die Familie von ihrem Hof in Piotrów vetrieben. Im April 1942 verschleppten die Deutschen die 24-jährige Maria, ihre zwei Brüder und ihre Eltern. Kawecka musste drei Monate als Kindermädchen bei einem Gärtner in Güstrow aushelfen. Sie konnte nach Łódź zurückkehren, wurde jedoch am 17.  November 1942 erneut bei einer Razzia in einer Straßenbahn festgenommen.

    Kawecka wurde nach Berlin-Reinickendorf (Walderseestr. 21) verschleppt. Sie musste unter anderem bei der AEG und für die Firma Dr. Klaus Gettwart (Köpenicker Straße 50) in der Produktion von Flugzeug-­ und U­-Bootteilen arbeiten. Um den anhaltenden Luftangriffen in Berlin zu entkommen, versuchte sie im Sommer 1944, zu ihren Cousins aufs Land zu flüchten. In der S­-Bahn wurde sie von Polizisten kontrolliert. Ihre Dokumente verrieten, dass sie sich unerlaubt von ihrem Arbeitsplatz entfernt hatte und verbotenerweise mit der S-­Bahn fuhr.

    Die Gestapo wies sie in das Gestapo-„Arbeitserziehungslager“ (AEL) Fehrbellin ein. Kawecka musste dort drei Monate lang schwerste körperliche Arbeit in einer Bastfaserfabrik verrichten. Hunger und Misshandlungen waren an der Tagesordnung. Als sie nach 3 Monaten zurück an ihren Arbeitsplatz in Berlin geschickt wurde wog sie nur noch 28 kg. Keine der anderen Zwangsarbeiterinnen erkannte sie wieder.

    Bei einem Luftangriff im November 1944 wurde die Fabrik von Dr. Klaus Gettwart stark beschädigt und die Produktion daraufhin nach Klausdorf verlegt. Hier nutzte Kawecka ihre Funktion als Materialprüferin, um die Rüstungsproduktion zu sabotieren. Bis zur Befreiung im April 1945 arbeitete Maria Kawecka in Klausdorf.

    (Quelle: Interview Ewa Czerwiakowski mit Maria Andrzejewska, geb. Kawecka, Łódź, den 22. August 2004. Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt)

    Tags: Polen
  • 29

    April

    29

    Sonntag, 29. April 1945

    Emil Hermann GmbH & Co KG: Befreiung Gerardus van den Broek

    Während in der Stadtmitte bereits das Rote Rathaus gestürmt wird, rücken sowjetische Truppen im Nordwesten Berlins auf die Ruinen des Schlosses Charlottenburg vor und besetzen den S-Bahnhof Jungfernheide. Am Saatwinkler Damm 42/43 endet für den niederländischen Zwangsarbeiter Gerardus van den Broek der Krieg. Die letzten Nächte hatte er hier in der Fabrik der Emil Hermann GmbH & Co KG verbracht. Seine Unterkunft in der Kreuzberger Obentrautstraße 33 war aufgrund der Kampfhandlungen nicht mehr erreichbar.

    1922 im niederländischen Delft geboren, wird van den Broek im Mai 1943 nach Berlin zwangsverpflichtet. Er wird zunächst in das Durchgangslager Rehbrücke in Potsdam geschickt. Die Behörden teilen ihn zur Arbeit in den Werken der Daimler Benz AG in Berlin-Marienfelde ein. Hier wohnt er in unterschiedlichen Unterkünften, Zelten und Baracken. Im August 1943 versucht van den Broek nach einem Luftangriff auf das Lager zu fliehen, wird jedoch in Leipzig aufgegriffen und muss zurück nach Berlin.
    Bei einem Bombenangriff im November wird das Lager der Daimler Fabrik vollständig zerstört. Van den Broek muss nun im Büro der 1855 als „Kolonialproduktehandlung“ gegründete Emil Hermann GmbH am Saatwinkler Damm arbeiten. Er wohnt in einer Wohnung der Firma in der Obentrautstraße. Hier befindet sich auch die Verwaltung der Gedelag AG (Gemeinschaft Deutscher Lebensmittelgrosshandler). Zur Arbeit gelangt van den Broek mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.

    Ein interessantes zeithistorisches Dokument stellt van den Broeks Notizbuch aus der Zeit in Berlin dar. Hier dokumentiert er von Mai 1943 bis Anfang April 1945 genauestens das Datum von Luftalarmen und -angriffen, außerdem sämtliche in Berlin erhaltene Päckchen und den Verlust persönlicher Gegenstände nach Bombengriffen.

    Nach seiner Rückkehr zu Fuß erreicht Gerardus van den Broek am 16. Juni 1945 die Niederlande. Drei Tage später kehrt er in seine Heimatstadt Delft zurück. 

    (Quelle: Bericht von Ton van den Broek)

    Tags: Niederlande
  • 30

    April

    30

    Montag, 30. April 1945

    Warschauer Straße: Befreiung Zenobius Gorzkiewicz

    „Im April haben wir uns mit unseren Bewachern zusammen nach Berlin zurückgezogen. Nicht weit vom Warschauer Bahnhof wurden wir auf dem Hof eines großen Wohnhauses festgehalten… Man befahl uns, alle Dokumente, Briefe und Fotos, sogar die Abzeichen mit dem Buchstaben „P“, abzugeben… Dann warfen sie alles auf einen Haufen und steckten es in Brand. Wir wurden zu einem Luftschutzbunker geführt… bei uns waren viele Wehrmachtssoldaten. Einige Deutsche baten uns, ihnen Zivilkleidung zu geben.

    Am 30. April sahen wir durch einen Spalt die einmarschierenden sowjetischen Soldaten. Unter uns fanden sich einige, die Russisch konnten. Sogleich hissten wir einen weißen Lappen. Dann liefen einige sowjetische Soldaten auf uns zu und befahlen uns, einzeln und mit erhobenen Händen herauszukommen. Unsere Dolmetscher sagten, wir seien etwa 300 Leute. Einer der Offiziere stellte einen besonderen Zug zusammen und befahl auf Russisch, Polen und andere Gefangene sollten sich auf der rechten Seite und die Deutschen auf der linken Seite des Hofes aufstellen. Als alle den Bunker verlassen hatten, haben sie vor unseren Augen die Deutschen erschossen…“

    (Erinnerungen des ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters Zenobius Gorzkiewicz)

    Zenobius Gorzkiewicz wird am 1. Februar 1929 im Dorf Grodzisko, Woiwodschaft Łódź geboren. Während der deutschen Okkupation ist Gorzkiewiczs Familie im Untergrund aktiv, an der Verbindungsstelle zwischen dem Generalgouvernement und den an das Deutsche Reich angeschlossenen Gebieten. Als 13-Jähriger wird Gorzkiewicz im Juni 1942 bei einer Razzia in einer Straßenbahn gefangen genommen und in ein Gestapo-Gefängnis gebracht. Drei Tage später verschleppt ihn die Gestapo gemeinsam mit anderen Gefangenen ins Deutsche Reich. Er gelangt zunächst in ein Übergangslager in Frankfurt (Oder), dann nach Wildau. Hier muss Gorzkiewicz im Werkzeuglager der Firma Schwartzkopff für die Rüstungsproduktion arbeiten. Später wird er als Dreher eingesetzt. Das Lager der Firma ist von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben, bewaffnete Posten bewachen den Eingang. Die Verpflegung und medizinische Versorgung ist katastrophal. Gorzkiewicz muss das „P“-Abzeichen auf seiner Kleidung tragen. Anfang 1945 wird Gorzkiewicz von der Wehrmacht abgeholt und zum Bau von Schützengräben und Panzersperren gezwungen. Er wird nach Seelow verlegt und muss dort im April 1945 unter anhaltendem Beschuss an der Front die deutschen Soldaten in den Schützengräben mit Lebensmitteln versorgen.

    (Quelle: Brief des ehemaligen polnischen Zwangsarbeiters Zenobius Gorzkiewicz vom 05.02.1998 und Interview vom 21.08.2001 © Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt.)
     

    Tags: Polen
  • 1

    Mai

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    Dienstag, 1. Mai 1945

    Potsdamer Platz: Abwarten im S-Bahn Schacht

    In den Tagen vom 28. April zum 2. Mai 1945 spielen sich im Nord-Süd Tunnel der Berliner S-Bahn, zwischen Friedrichstraße und Anhalter Bahnhof, chaotische Szenen ab. Tausende Berliner*innen hatten in den letzten Kriegstagen in unterirdischen S-Bahn- und U-Bahnschächten Schutz vor den anhaltenden Kämpfen und Luftangriffen gesucht. So auch zahlreiche Zwangsarbeiter*innen, wie etwa der untergetauchte jüdische Zwangsarbeiter Walter Frankenstein oder der französische Zwangsarbeiter Marcel Elola. Züge fuhren hier schon lange nicht mehr und dienten teilweise als Behelfslazarette. Auf den Bahnsteigen der Stationen drängten sich die Menschen.

    Vom Samstag, dem 28. April 1945 an, halten sich auch im Anhalter Bahnhof Hunderte Menschen auf. Es herrschen katastrophale Zustände. Am 1. Mai erscheint um 9 Uhr morgens eine SS-Wachmannschaft und beginnt die Menschen durch den Tunnel in Richtung Potsdamer Platz zu treiben.

    Eine Berlinerin berichtet: „Als wir den Bahnhof Potsdamer Platz erreichten, hatte sich der Zug [der Menschen] schon sehr gelichtet. Im Dunkeln stolperten wir über die Schwellen weiter. Viele stürzten und brachen sich die Arme und Beine. Sie blieben hilflos liegen. Lange noch hörten wir ihr verzweifeltes Rufen… Da rief ein SS-Mann: ‚Ausländer, rechts heraustreten.‘ Uns allen ging ein Schauer über den Rücken. Einige der Ausländer rissen wir in unsere Reihen hinein. Die anderen blieben zurück. Das Knallen von Schüssen, das dann hinter uns erscholl, gab uns genügend Auskunft über das Schicksal dieser Zurückgebliebenen.“

    Am S-Bahnhof Friedrichstraße wird die Gruppe in den U-Bahnschacht getrieben, in Richtung Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof). Dort jagt man die Menschen auf die Straße. Die Berlinerin berichtet weiter, „der Artilleriebeschuss dröhnte in voller Stärke. Ich taumelte wie betäubt vorwärts. Hunderte von uns wurden niedergemäht… Es wollte nicht Nacht werden, so blutrot war der brennende Himmel über Berlin.“

    Am 2. Mai 1945 zerstört eine gewaltige Detonation die Decke des Tunnels unter dem Berliner Zentrum, genau an jener Stelle, wo die S-Bahn den Landwehrkanal unterquert. Am S-Bahnhof Friedrichstraße lief das Wasser auch die U-Bahntunnel über und flutete große Teile des Berliner Tunnelsystems. Schätzungen zufolge sterben zwischen 800 [sic] und 15.000 Menschen. Darunter vermutlich auch zahlreiche Zwangsarbeiter*innen.

    (Bericht einer unbekannt gebliebene Berlinerin in der Berliner Zeitung vom 11. Juni 1945, „Wettlauf mit dem Tod“, Quellen: „Die Befreiung Berlins 1945. Eine Dokumentation, DVW, Berlin 1975, S. 135f. und Artikel von Sven Felix Kellerhoff, Welt-Online vom 2. Mai 2015)

  • 2

    Mai

    2

    Mittwoch, 2. Mai 1945

    Während die Kampfhandlungen in Berlin noch anhalten, beginnt der deutsche General Helmuth Weidling in den frühen Morgenstunden mit der Abfassung des Kapitulationsbefehls. Ab dem Mittag des 2. Mai fahren Lautsprecherwagen mit je einem sowjetischen Offizier und einem deutschen Militärangehörigen durch die Stadt, um den Kapitulationsbefehl zu verkünden. In den Kellern des Reichstags wird noch bis 13 Uhr gekämpft. Ab etwa 17 Uhr sind alle Kämpfe in der Stadt eingestellt.

    Für circa 370.000 Zwangsarbeiter*innen im gesamten Berliner Stadtgebiet - zivile Verschleppte, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge - endet die Ausbeutung durch das nationalsozialistische Regime. Nicht wenige von ihnen befinden sich in diesem Moment noch an ihren Arbeitsplätzen. Einige waren bereits in den Tagen zuvor aus den Lagern geflohen oder hielten sich in der Stadt versteckt. Andere warteten in den Lagern ab, ihre Arbeitsstelle war seit Tagen nicht mehr erreichbar.
    Der Zustand, in dem die sowjetischen Einheiten die Zwangsarbeiter*innen vorfinden ist recht unterschiedlich. Jene die in der Landwirtschaft oder im Dienstleistungssektor eingesetzt wurden, sind meist ein wenig besser dran als ihre Leidensgenossen in der Rüstungsindustrie. In einer besonders schlechten Verfassung sind die befreiten KZ-Häftlinge.

    Die die enorm große Zahl von befreiten Zwangsarbeiter*innen stellt die Alliierten vor riesige Herausforderungen. Viele machen sich in den nächsten Tagen und Wochen zu Fuß oder mithilfe von unterschiedlichen Fuhrwerken auf den Heimweg. Andere gelangen in die Displaced Persons Camps, die die alliierten Militärverwaltungen im ganzen Stadtgebiet einrichten. Von hier aus werden Rücktransporte organisiert. Wieder andere bleiben in der Stadt, sie wissen nicht wohin.

    Denn während die einen diesen Tag als Befreiung erleben, scheuen andere die Rückkehr in die Heimat. Sie fürchten, als Verräter gebrandmarkt oder der Kollaboration verdächtigt zu werden, da sie für „den Feind“ gearbeitet haben. Zu Hause angekommen, werden die meisten ehemaligen Zwangsarbeiter*innen jahrzehntelang nicht über ihr Schicksal sprechen.

     

  • 3

    Mai

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    Donnerstag, 3. Mai 1945

    "Berlin fällt": Anweisungen für "Fremdarbeiter"

    „Berlin fällt!“, Flugblatt der Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force, dem oberstes Hauptquartier der alliierten Streitkräfte in Europa, vom 3. Mai 1945. In der Spalte auf der rechten Seite finden sich "10 Gebote für „Fremdarbeiter" in Deutschland. So etwa: „Bleibt an Ort und Stelle. Möglichst geschützt – aber nicht in der Nähe militärischer Ziele. Erwartet die Ankunft der Alliierten.“ Oder: „Schliesst Euch zusammen – wählt euch Führer für jede kleine Gruppe derselben Staatsangehörigkeit.“

    Mit derartigen Maßnahmen versuchten die Alliierten in den letzten Kriegstagen und unmittelbar nach der Kapitulation Chaos und Plünderungen zu verhindern und eine möglichst schnelle Rückführung der befreiten Zwangsarbeiter*innen in die Herkunftsländer zu organisieren.

    Dieses Flugblatt wurde in deutscher, polnischer, französischer und englischer Sprache abgeworfen und verteilt.

  • 4
  • 5
  • 6

    Mai

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    Sonntag, 6. Mai 1945

    Berlin Buchholz: Józefa Irena Łyskanowska-Kuncewicz

    „Die Zeit der Befreiung war für mich das Schlimmste. Ich hatte kein Obdach, nichts zu essen, ich fürchtete mich, auf die Straße zu gehen, wo noch Schießereien andauerten und Unmengen von sowjetischen Soldaten waren…
    Ich blieb in Kontakt mit der [deutschen] Familie, bei der ich gearbeitet hatte, d.h. mit der Familie Pieel in Buchholz. Nach der Befreiung beschloss ich, sie zu besuchen. Als die Chefin hörte, ich habe kein Obdach und nichts zu essen, schlug sie mir gleich vor, zu ihnen zu ziehen. Ihre Tochter überließ mir ihr Zimmer. So war ich in Sicherheit und nicht mehr hungrig.“

    (Erinnerungen der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin Józefa Irena Łyskanowska-Kuncewicz)

    Józefa Irena Łyskanowska-Kuncewicz ist 17 Jahre alt, als sie im März 1940 aus dem polnischen Dorf Chabielice, bei Łódź, nach Berlin verschleppt wird. Im Stadtteil Buchholz muss sie für die Gärtnerei Otto Pieel arbeiten, zunächst im Treibhaus, später auf dem Acker. Im Sommer dauern die Arbeitszeiten oft von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr am Abend. Untergebracht ist Józefa Kuncewicz im Haus der Familie Pieel, wo sie vergleichsweise gut behandelt wird. Als der Winter anbricht und es in der Gärtnerei nicht mehr viel Arbeit gibt, wird Józefa Kuncewicz auf einen Gutshof in Berlin-Buch geschickt. Hier muss sie auf einem Kartoffelacker schwere Akkordarbeit leisten. Als Kuncewicz kurze Zeit später auf dem Arbeitsamt erscheint, um ihren Arbeitsplatz zu wechseln, nimmt die Polizei sie fest. Sie verbringt zwei Wochen unter furchtbaren Bedingungen im Spandauer Gefängnis.

    Im Winter 1943 wird Kuncewicz in ein Lager im Bezirk Tempelhof verlegt. Sie arbeitet nun in Schöneberg für die Firma Siemens. Zur Arbeit gelangt sie gemeinsam mit der gesamten Schichtgruppe in der Straßenbahn. In Tempelhof erlebt Józefa Kuncewicz einen schweren Luftangriff, bei dem auch ihr Lager getroffen wird. Sie erinnert sich: „Unser Lagerführer sagte: ‚Ihr Polinnen steht in Gottes Gunst.‘ Denn nur unsere Baracke blieb unversehrt. Eine Bombe fiel durch das Dach in das Bett meiner Kollegin hinein, aber Gott sei Dank, es war ein Blindgänger.“

    Als Teile der Siemens-Produktion wegen der Luftangriffe nach Zittau verlegt werden, schickt man Kuncewicz an den Siemens-Produktionsstandort in der Grüntaler Straße 63 im Ortsteil Gesundbrunnen. Hier erlebt sie im Mai 1945 das Kriegsende. Als sie wenige Tage später das Haus der Familie Pieel aufsucht, kommt sie dort unter, hilft im Garten und im Haushalt. Im Juni 1945 lädt die sowjetische Kommandantur in Berlin Kuncewicz vor und schickt sie zurück nach Polen. Hier trifft sie auch ihre Familie wieder.

    (Quelle: Brief der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin Józefa Irena Łyskanowska-Kuncewicz an die Berliner Geschichtswerkstatt, 24. Januar 1998)

    Tags: Polen | Rückkehr
  • 7

    Mai

    7

    Montag, 7. Mai 1945

    Hunger: "Lasst euch nicht umbringen, denn die Deutschen sind bösartig."

    In den Tagen kurz vor und unmittelbar nach der Kapitulation der Reichshauptstadt am 2. Mai 1945 kommt es immer wieder zu Einbrüchen in Kellern, Wohnungen oder Lebensmittellagern durch befreite Zwangsarbeiter*innen. Auch gewaltsame Vergeltungsaktionen gegen Deutsche bleiben nicht aus. So erinnert sich die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin Aleksandra Reniszweska:

    „Eine Freundin und ich fuhren zu den Jungs ins Lager. Zurückkehren konnten wir nicht mehr, da die sowjetischen Truppen sehr schnell anrückten. Auf dem Appellplatz erhängten die Jungs den Lagerführer, der angeblich sehr gemein war. Als die Deutschen den Beschuss von der anderen Seite der Spree in Richtung sowjetischer Spähtruppen begannen, befürchteten wir, sie könnten dieses Ufer wiedererobern. Hätten sie den aufgehängten Lagerführer gesehen, so hätten sie uns bestimmt alle erschossen.“

    In manchen Fällen reagierten die ehemaligen Zwangsarbeiter*innen mit Racheaktionen auf die massive Repression, der sie den gesamten Krieg über ausgesetzt waren: Durch Vorgesetzte, Meister oder Lagerleiter. Besonders in den letzten Kriegswochen hatten sich willkürliche Gewaltexzesse gegenüber Zwangsarbeiter*innen und gezielte Erschießungsaktionen durch SS-Einheiten auch in Berlin gehäuft.

    Ebenso veranlasste die katastrophale Versorgungslage viele Befreite zu Einbrüchen in Vorratslagern oder Wohnungen. Die ehemalige polnische Zwangsarbeiterin Kazimiera Czarnecka berichtet:

    „Es ist etwas Merkwürdiges passiert. Es gibt den uniformierten Lagerführer Zielke nicht mehr, keine Wachmänner… Die Küche bleibt geschlossen und gibt kein Essen aus. Wir sind hungrig. Jemand kommt mit der Nachricht, dass die Männer die Schlösser zum Lebensmittelmagazin aufbrechen, und dass man dort etwas zu Essen finden kann. Im Magazin gab es Säcke mit Grieß und Zucker. Es waren Delikatessen. Während unseres ganzen Aufenthalts im Lager hatten wir nie einen Gramm Zucker bekommen.“

    Auch der befreite italienische Zwangsarbeiter Ugo Brilli erinnert sich an die Tage unmittelbar nach Kriegende:

    „Er herrschte Chaos… die Deutschen hauten ab. Wir gingen in die Keller, um etwas zu Essen zu finden… Drei Tage grünes Licht hatten uns die Russen gegeben - ihr könnt machen, was ihr wollt, aber seid vorsichtig, lasst euch nicht umbringen, denn die Deutschen sind bösartig.“

    Die Wahrnehmung der „plündernden und marodierenden Ausländer“ spielt in der noch maßgeblich von der NS-Propaganda beeinflussten deutschen Wahrnehmung der ersten Maitage eine große Rolle. Sie prägt auch später oft die Erinnerung an das Frühjahr 1945. Der deutschen Öffentlichkeit kommen solche Berichte, so scheint es, nicht ganz ungelegen. Überdecken sie doch das schlechte Gewissen über die brutale Behandlung vieler Zwangsarbeiter*innen - vor allem jener aus der Sowjetunion.
    Diese oft wiederholte Erzählung lässt jedoch außer Acht, dass im Großen und Ganzen die Kriminalitätsrate der Nachkriegszeit bei den Displaced Persons nicht viel höher liegt als die der Deutschen. Im Gegenteil: Die Straffälligkeit der einheimischen Bevölkerung stieg nach dem Krieg signifikant an.

    (Quellen: Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Aleksandra Jelinek, geb. Reniszewska vom 17. November 1997 an die Berliner Geschichtswerkstatt, Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Kazimiera Kosonowska an die Berliner Geschichtswerkstatt und Interview mit Ugo Brilli am 22. April 2012 © Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit; Volker Ulrich, „Acht Tage im Mai,“ München: C.H. Beck, 2020)

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    Mai

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    Dienstag, 8. Mai 1945

    Kapitulation: "Nach Hause"?

    An den Moment des Eintreffens der deutschen und sowjetischen Delegationen zur Entgegennahme der Kapitulationserklärung erinnert sich der sowjetische Kriegskorrespondent Lew J. Slawin:

    „Eine unerwartete Begegnung. Ein langer Zug Ausländer, die aus hitlerschen KZ befreit worden sind. Über Karren, Fahrrädern, Kinderwagen, in denen die Befreiten ihre Habe mitführen, wehen Fahnen aller Nationen: jugoslawische, italienische, französische, holländische und andere. An einem Pfosten ein wegweisender Pfeil und in allen Sprachen die Aufschrift: ‚Zur Sammelstelle sowjetischer und ausländischer Staatsangehöriger‘. Die deutschen Delegierten schauen weg… Vergeblich blicken sie zu Boden oder schnäuzen sich eifrig, um sich durch das Taschentuch den Blicken des Volkes zu entziehen… Ich kann nicht sagen, dass die Berliner dabei betrübte Gesichter machen. Vielmehr äußern sie eine gewisse Genugtuung über das sensationelle Schauspiel.“

    Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 sehen sich die Alliierten mit gewaltigen Zahlen sogenannter Displaced Persons konfrontiert – Menschen anderer Staatsangehörigkeit, die in die Heimat zurückkehren wollen oder durch den Krieg heimatlos geworden sind. Alleine in Berlin befinden sich am Kriegsende etwa 370.000 Zwangsarbeiter*innen aus ganz Europa.
    Schon als die Kriegshandlungen in der Stadt noch in vollem Gange waren, mischten sich zahlreiche befreite Zwangsarbeiter*innen unter die Flüchtlingstrecks, um in Richtung Heimat oder zum nächsten Frontabschnitt zu ziehen.

    Nun, mit dem endgültigen Kriegsende am 8. Mai 1945, setzen sich unzählige Menschen in Bewegung, um zurück in ihre Herkunftsländer zu gelangen. Vor allem DPs aus Westeuropa versuchen, sich auf eigene Faust durchzuschlagen. Andere warten in den Ruinen der Stadt oder in improvisierten Lagern auf einen Weitertransport Richtung Heimat mit Unterstützung der Alliierten. Die meisten der Displaced Persons (DP) gelangen noch Laufe des Sommers in ihre Heimatländer. Im August 1945 leben in Berlin noch etwa 23.000 ausländische Staatsbürger.

    In verschiedenen Ländern stehen die Zwangsarbeiter*innen im Verdacht, mit den Deutschen kollaboriert zu haben. Die befreiten „Ostarbeiter*innen“ und sowjetische Kriegsgefangene müssen Filtrationslager des sowjetischen Nachrichtendienstes durchlaufen. Für nicht wenige endet der Krieg mit der Verschleppung in sowjetische Straflager.
    Nicht selten sperren sich auch ehemalige Zwangsarbeiter*innen aus Polen gegen eine Rückkehr, da sie das neue kommunistische Regime ablehnen oder ihr Heimatort im von der Sowjetunion annektierten Ostpolen liegt.

    (Quellen: Lew J. Slawin, „Die letzten Tage des Dritten Reiches, Berlin: Lied der Zeit Musikverl. 1948, S. 46 ff.; Helmut Bräutigam, „Zwangsarbeit in Berlin 1938-1945“, Publikation des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen, Berlin: Metropol, 2003)

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    Mittwoch, 9. Mai 1945

    Heimkehr? - Zwischenlager Berlin-Biesdorf

    „Aus umliegenden Häusern hatten die Menschen Nähmaschinen herangeschafft, mit denen sie aus Stoffresten Nationalfahnen ihrer Herkunftsländer anfertigten.” (Erinnerungen des Anwohners Werner Sedlick)

    Der Berliner Werner Sedlick ist 14 Jahre alt, als der Krieg im Frühjahr 1945 in Berlin zu Ende geht. Mit seiner Familie wohnt er in einem Haus in Berlin-Biesdorf. Der Vater ist als Krankenpfleger im Krankenhaus Wuhlgarten (später Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus) tätig. Im Mai 1945 wird in einer Baracke gegenüber des Hauses der Familie eine Kfz-Werkstatt von sowjetischen Soldaten eingerichtet, die zu der Familie bald einen freundlichen Kontakt pflegen. Nicht weit entfernt entsteht ein „wildes” Übergangslager für befreite Zwangsarbeiter*innen:

    „Wenige Wochen nach Kriegsende entstand auf dem freien Acker zwischen Grabensprung und Köpenicker Straße, nördlich vom Bahndamm, ein Sammellager für befreite Zwangsarbeiter. Dort hausten unter primitivsten Bedingungen für etwa 2-3 Monate über 1.000 Frauen und Männer. Italiener, Polen und sogenannte Ostarbeiter…
    Da mein Vater im Krankenwesen tätig war, ergab sich, dass er des Öfteren im Lager Kranke und Verletzte versorgte. Hin und wieder nahm er mich zur Unterstützung dorthin mit. Bislang brutal ausgebeutet, waren die befreiten Zwangsarbeiter, gleich welcher Herkunft, nun für zwischenmenschliche Hilfeleistung sehr dankbar … Die meisten der ehemaligen Zwangsarbeiter wohnten in selbst gebauten Zelten und Hütten. Die Materialien und Einrichtungen dafür hatten sie sich aus umliegenden Gärten und Wohnungen geholt. Die gegenüberliegende Gärtnerei nutzten die Menschen, um ihre Notdurft zu verrichten. Das Zusammenleben dort war auch von häufigen Handgemengen geprägt. Immer wieder gab es auch Verletzte.

    Von dem Sammellager aus erfolgte der Abtransport der befreiten Fremdarbeiter in die Heimat. Zumeist fuhren sie auf Pferdewagen in Richtung Bahnhof Kaulsdorf. Organisiert wurde der Transport vermutlich von sowjetischen Soldaten.”

    Auch der ehemalige französische Zwangsarbeiter Jean René erinnert sich an ein solches Lager:

    „9. Mai: Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Momentan sind wir in Biesdorf… Letzte Nacht habe ich nicht viel geschlafen. Die Nächte sind zu kalt, um unter freiem Himmel zu schlafen, deshalb haben wir eine kleine Baracke aufgebaut... Wir sind um die 20.000 und es kommen von allen Seiten immer mehr dazu. Es wird bestimmt ein Zwischenlager daraus. Menschen aus allen Ländern, die aufgeteilt werden sollen. Heute Nachmittag haben wir offiziell erfahren, dass der Krieg vorbei ist… Wenn doch nur ein Befehl käme, dass wir dieses Unglücksland verlassen können.“

    (Quellen: Interview mit Werner Sedlick am 17. März 2020; Jean René und Hervé, „Ein Spielball in den Wirren des Krieges. Tagebuch eines Kriegsgefangenen, Saint-Denis: Edilivre, 2017)

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    Donnerstag, 10. Mai 1945

    Lichtenberg: Theodor Wonja Michael

    „Der sowjetische Offizier blätterte in seinem Arbeitsbuch, sah mich an und fragte mich, was ich hier in Deutschland zu suchen hätte. Ich war konsterniert und erklärte, dass ich doch hier geboren sei. Mein Vater sei, nachdem Kamerun deutsche Kolonie geworden war, nach Berlin gekommen… Ob ich für die Nazis gearbeitet hätte, war die nächste Frage. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich als Fremdarbeiter kriegsdienstverpflichtet gewesen sei, hier in diesem Lager untergebracht war und in einem Rüstungsbetrieb gearbeitet hatte… Aus dem Gespräch hatte sich ein strenges Verhör entwickelt, das für mich unangenehm wurde (…) Es war so unwahrscheinlich, dass ein schwarzer Deutscher nach dem Krieg noch am Leben sein würde, dass ich der Kollaboration verdächtigt wurde… Das Jahr 1945 war ein schreckliches, das härteste meines Lebens: Was würden Sie antworten, wenn man Ihnen vorwirft, dass Sie noch am Leben sind? Um das Sprichwort zu gebrauchen, ich saß immer zwischen zwei Stühlen".

    Theodor Wonja Michael kommt am 15. Januar 1925 als jüngster Sohn von Theophilius Wonja Michael aus Kamerun und dessen deutscher Ehefrau Martha (geb. Wegner) in Berlin zu Welt. Bereits ein Jahr nach der Geburt stirbt seine Mutter. Als der Vater 1934 ebenfalls verstirbt, ist Michael erst 9 Jahre alt. Unter teils erbärmlichen Zuständen wächst er bei Pflegeeltern auf, die Profit aus ihm schlagen wollen und Michael bei „Völkerschauen“ auftreten lassen.

    Als Berliner Klassenkameraden dem 9-Jährigen von den Treffen der NSDAP-Nachwuchsorganisation „Jungvolk“ vorschwärmen, möchte auch er Mitglied werden. Zu seiner Überraschung wird er abgelehnt und weggeschickt. Da spürt Michael zum ersten Mal, dass er nicht dazugehört, erinnert er sich später. 1939 schließt er die Volksschule ab, kann aber aufgrund der diskriminierenden Nürnberger Rassengesetze keine Ausbildung beginnen.

    Um sein Überleben zu sichern, versucht Theodor Wonja Michael von nun an, möglichst unsichtbar zu bleiben, ständig begleitet von der Angst vor Verhaftung und vor Zwangssterilisation: „Das war ja das Wichtige für uns in der Nazizeit: nicht auffallen. Ich tat alles, um nur ja nicht aufzufallen.“ So arbeitete er zwischenzeitlich als Portier in einem Hotel, wird jedoch aufgrund der Beschwerde eines Gastes „über seine Hautfarbe“ entlassen. Michael wird auch sein Pass aberkannt, er ist nun staatenlos.

    Als Afrodeutscher erlebt Theodor Wonja Michael den Nationalsozialismus als Zeit voller Widersprüche: „1943 wurde ja nach der Ausrufung des ‚totalen Kriegs‘ wirklich jeder einzogen, der noch ein Gewehr tragen konnte. Ich jedoch wurde nicht eingezogen und ich kann nur sagen, dass ich dem lieben Gott heute noch dankbar dafür bin.“
    1943 wird der 18-Jährige jedoch zur Zwangsarbeit verpflichtet. Für die Munitionsfabrik J. Gast in Lichtenberg muss er von nun an in der Rüstungsproduktion arbeiten, täglich 10 bis 12 Stunden. Als Unterkunft wird ihm ein „Fremdarbeiterlager“ am Adlergestell zugewiesen. Da er nur Deutsch spricht, beäugen ihn die anderen Zwangsarbeiter*innen misstrauisch. Mit viel Glück übersteht Michael im Freien mehrere Bombenangriffe. Als sogenannter „Artfremder“ ist ihm der Zugang in den Luftschutzbunker verwehrt.
    Am 20. April 1945 erlebt Theodor Wonja Michael in der Lichtenberger Fabrik die Befreiung. Doch erneut findet er sich in einer paradoxen Situation wieder, denn die sowjetischen Befreier bezichtigen Michael zunächst der Kollaboration mit den Nazis.

    Nach Kriegende holt Michael das Abitur nach und studiert unter anderem in Hamburg und Paris. Später arbeitet er als Journalist und Redakteur. 1971 beginnt Michael für den Bundesnachrichtendienst zu arbeiten. Er ist der erste Schwarze Bundesbeamte im höheren Dienst. Zugleich engagiert er sich in der afrodeutschen Community. Theodor Wonja Michael stirbt am 19. Oktober 2019 in Köln.

    „Die Befreiung ist für mich bis heute ein wunder Punkt. Dazu muss ich sagen, dass Deutschland meine Heimat war und ist. Und dann sieht man auf einmal die Heimat kaputt und zerschlagen. Man selbst ist frei: Das ist wunderbar! Es ist ein herrlicher Gedanke, frei zu sein von den Belastungen, die man vorher gehabt hat. Aber ist man wirklich frei?“

    (Quellen: Theodor Michael, „Deutsch sein und schwarz dazu. Erinnerungen eines Afro-Deutschen,“ München: DTV, 2013; Interview von Corinna Spies mit Theodor Michael vom 23. März 2014; „Theodor Michael Wonja, dernier rescapé noir des camps de travail nazis, est mort,“ Le Monde, 25. Oktober 2019; Abbildungen: Privatbesitz)

     

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    Samstag, 12. Mai 1945

    Heimkehr? Wasyl Timofejewitsch Kudrenko

    "Ich verließ das verfluchte, zerstörte Berlin. In dieser Stadt habe ich zweieinhalb Jahre gelebt. Ich gehörte jetzt zu einer sowjetischen Militäreinheit. Uns wurde befohlen, um 6.00 Uhr die Stadt zu verlassen und uns Richtung Oder zu bewegen. Wir gingen zu Fuß und begleiteten gefangene Faschisten. Wir gingen von 6.00 Uhr früh bis zur Mitternacht. Der Tag war heiß...
    Am Himmel sah man Hunderte sowjetischer Flugzeuge, neben uns fuhren blitzschnell gepanzerte Fahrzeuge und Motorräder... Wir übernachteten in einem Dorf. Um 6.00 Uhr früh waren wir wieder unterwegs. Auf dem Weg holten uns unsere LKWs ein. Wir durften einsteigen und eine Strecke mitfahren. Damit erreichten wir unser Ziel sehr schnell…
    Unsere Einheit wurde in einem Dorf stationiert. Ich war nach diesem ungewöhnlich langen Marsch erschöpft... Nach dem Schlaf rief mich Subzov, Oberleutnant der Garde. Er sagte: 'Wenn du willst, kannst du bei uns bleiben. Du musst dann alle Befehle ausführen und einfach ein guter Kerl sein.' Ich antwortete: 'Jawohl, Genosse Oberleutnant' Seitdem diene ich als sein Helfer."


    Wasyl Timofejewitsch Kudrenko ist 16 Jahre alt, als er 1943 aus dem ukrainischen Dorf Balaklija nach Berlin verschleppt wird. Als „Zwangsverpflichteter“ muss er auf den Berliner Friedhöfen Gräber ausheben. Gemeinsam mit ca. 100 anderen „Ostarbeiter*innen“ lebt Kudrenko in einem von der evangelischen Kirche betriebenen Zwangslager auf dem Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde an der Neuköllner Hermannstraße. In seinem Tagebuch notiert er Tag für Tag seinen Blick auf das Leben im Lager, die harte Arbeit, den Hunger und die alltägliche Bedrohung durch Bomben und Gestapo.

    Nach seiner Befreiung am 24. April 1945 durch die Rote Armee, steht Kudrenko zunächst im Verdacht, als Vaterlandsverräter mit den Nazis kollaboriert zu haben. Wie Hunderttausende andere befreite "Ostarbeiter" ist er zunächst den Verhören des sowjetischen Geheimdienstes ausgesetzt.
    Am 25. Mai erhält er die Aufforderung, sich vor der Rückreise in die Sowjetunion im Durchgangslager Töpchin bei Zossen zu melden. Hier erfährt er, dass alle ehemaligen Mitinsassen aus dem Friedhofslager unmittelbar nach der Befreiung zum Wehrdienst in die Rote Armee einberufen worden sind.

    Am 1. Juni wird Kudrenko von einem sowjetischen Leutnant im Durchgangslager Töpchin verhört. In seinem Tagebuch notiert er: "Heute wurde ich von einem Leutnant verhört, der mein Tagebuch gelesen hat. Er fragte: 'Sie sagten im November 1944 deutschen Arbeitern, dass bald Stalin kommt. Die Gestapo wusste das. Warum wurden Sie nur verhört und nicht verhaftet!?' Ich beteuerte: 'Ich bin im kommunistischen Geist erzogen worden, ein einfacher Sowjetmensch, unter Zwang nach Deutschland verschleppt. Mein Leben war gefährdet. In Deutschland verhielt ich mich als echter Patriot.' Der Leutnant behauptete, ich lüge."
    (Tagebuch, Samstag, 9. Juni 1945)

    Kudrenko gelingt es, den Leutnant von seiner Loyalität zu überzeugen. Zwei Tage später darf er sich auf den Weg Richtung Osten machen. Mit dem Zug gelangt Kudrenko über Cottbus und Glogow in das schlesische Rawicz. Hier muss er sich einem weiteren Verhör in einem sowjetischen Durchgangslager stellen. Im Lager werden alle registrierten Jahrgänge 1920-27 für die landwirtschaftliche Arbeit nahe Hermannstadt eingeteilt. Erst am 29. August 1945 erhält Kudrenko seine Dokumente für das Prüfverfahren und wird von Rawicz aus nach Hause geschickt. Von der "leuchtenden Zukunft der Sowjetunion" ist er weiterhin überzeugt.

    Am 16. Oktober 1945 erreicht Kudrenko sein Elternhaus in Balaklija. Hier enden auch seine Tagebuchaufzeichnungen. Sein Heimatdorf ist größtenteils abgebrannt. Vor der Befreiung, so erinnert sich Kudrenko später, hatte er mit einer Rückkehr aus Deutschland nicht mehr gerechnet.

    (Wasyl Timofejewitsch Kudrenko, „Bist du Bandit?“ Das Lagertagebuch des Zwangsarbeiters Wasyl Timofejewitsch Kudrenko, Berlin: Wichern-Verlag 2005, S. 132f.)

  • 13

    Mai

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    Sonntag, 13. Mai 1945

    Pertrix-Batteriefabrik: Rückkehr nach Polen

    „Es gab eine ganze Gruppe von Polen, und wir, d.h. mein Papa und ich, gesellten uns zu ihnen. Wir liefen zu Fuß, kannten den Weg nicht. Wir waren hungrig und erschöpft. Es lag uns sehr daran, Berlin und überhaupt das deutsche Land so schnell wie möglich zu verlassen. Wir gelangten nach Posen, wo an der Bahnstation ein Zug mit vielen Wagen stand. Das russische Militär nahm verschiedene Maschinen aus den Fabriken und brachte sie nach Russland weg. Sie nahmen uns in einem Waggon auf, in dem bereits ein Dutzend Soldaten saßen, die die Maschinen bewachen sollten… Zum Glück gelangten wir nach Warschau. Von Warschau waren nur Trümmer geblieben, es gab keine Straßen, keine Häuser. Dort erfuhren wir, dass die Deutschen die Kapitulation unterzeichnet haben.“
    (Erinnerungen der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin Janina Łyś)

    Janina Łyś wird am 3. Dezember 1923 in Mokre bei Zamość (heutiges Ostpolen) geboren. Ihre Kindheit verbringt sie in Lublin, wo sie ein privates Gymnasium besucht. Im Sommer 1939 wird der Vater zum Wehrdienst eingezogen. Er kehrt Ende 1942 zurück, als die deutschen Behörden gerade damit beginnen, im Rahmen des „Generalplans Ost“ die nicht-jüdische Bevölkerung von Zamość und Umgebung nach Deutschland zu deportieren.
    Janina und ihre Eltern werden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Im Durchgangslager Wilhelmshagen wird die Familie der Batteriefabrik Pertrix (Quandt-Konzern) in Berlin-Schöneweide zugeteilt. Untergebracht sind sie von nun an in einer Baracke in der Adlershofer Straße (Heute: ungefähr Bruno-Bürgel-Weg 84). Janina Łyś muss täglich von 7 bis 18 Uhr an einem Fließband arbeiten, wo sie Elektrolyt in Batteriehülsen füllt. Die Arbeit ist extrem gefährlich, Arbeitshandschuhe werden ihr verweigert. Eingearbeitet wird Janina von einer Berliner Jüdin, die wenige Wochen später verschwindet. Die Pol*innen aus der Region Zamość waren als Ersatz für in die Vernichtungslager deportierte Deutsche Jüd*innen in die Fabriken geholt worden.

    Die Ernährungssituation im Lager ist sehr schlecht. Manchmal kann Janina von ihrem geringen Lohn allerdings etwas Gemüse kaufen. Bei Luftangriffen können die Zwangsarbeiter*innen im Lager sich nur sehr schlecht in Splitterschutzgräben schützen. Noch 1943 wird Janinas Mutter wegen einer Erkrankung zurück nach Polen geschickt.
    Kurz vor Kriegsende, Anfang April 1945, wird Janina Łyś von einem Meister misshandelt, der ihr androht, sie wegen Arbeitsverweigerung bei der Gestapo anzuzeigen. Sie wehrt sich und warnt den Mann, ihn nach dem sowjetischen Einmarsch bei den Russen zu melden. Diese Drohung zeigt offenbar Wirkung und der Meister lässt von ihr ab: Die Angst vor der herannahenden Roten Armee ist im Frühjahr 1945 in der deutschen Bevölkerung bereits sehr groß. Kurze Zeit später erlebt Janina in Schöneweide die Befreiung.

    Einige der ehemaligen Zwangsarbeiter*innen aus Polen berichten später, dass sie sich noch im Frühjahr und Sommer 1945 zu Fuß, mit Fahrrädern oder mit etwas Glück auf der Ladefläche eines LKWs oder Güterzugs auf den Heimweg machten. So auch Janina Łyś: Gemeinsam mit ihrem Vater schlägt sie sich nun zu Fuß nach Poznań durch. Von dort aus gelangen sie auf einem Güterzug über Warschau nach Zamość. Nicht wenige Pol*innen sperren sich jedoch gegen die Rückkehr: Sie lehnen das neue kommunistische System in ihrer Heimat ab oder möchten nicht in das von der Sowjetunion annektierte Ostpolen zurückkehren. Während ein Großteil der Displaced Persons (DP) aus der Sowjetunion noch 1945 repatriiert wird, versucht ein Teil der befreiten Pol*innen nach Nordamerika auszuwandern. Viele gelangen als „Heimatlose Ausländer“ nach Westdeutschland.

    Janina Łyś heiratet noch 1945 und lebt anschließend mit ihrem Mann und den 1948 und 1954 geborenen Kindern in Danzig und Warschau. Infolge ihrer Arbeit bei Pertrix leidet sie ihr Leben lang unter gesundheitlichen Problemen.

    (Quellen: Erinnerungsbericht der ehemaligen polnischen Zwangsarbeiterin Janina Łyś vom 9. Juli 2014, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit; „Für immer gezeichnet. Die Geschichte der ‚Ostarbeiter‘, Hrsg. Memorial International, Moskau und Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, Ch. Links Verlag: Berlin 2019)

  • 14
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    Dienstag, 15. Mai 1945

    U-Bahnhof Alexanderplatz: Marcel Elola

    „Nach diesem anstrengenden Tag sind wir in unsere Unterkunft zurückgekehrt, haben von Herzen gegessen und sind dann in den nächtlichen Schlaf verfallen. Am nächsten Tag sind die Russen wiedergekommen und ließen uns wissen, dass sie Freiwillige für den Kampf gegen die Nazis suchten. Nach allem, was wir von dieser Armee erfahren hatten …, meldete sich niemand von uns freiwillig. Das war sicherlich der auslösende Grund, dass die Sowjets dafür entschieden, unsere Abreise vorzubereiten. Im Laufe des Tages wurden Wächter an allen Ausgängen postiert. Unsere Abreise in die Sowjetunion stand bevor, aber niemand war sich dessen bewusst. Hätten wir gewusst, was uns erwartet, hätten sich viele von uns sicherlich in der Nacht in die Felder geschlagen.“
    (Erinnerungen des französischen Zwangsarbeiters Marcel Elola)

    Marcel Elola ist 21 Jahre alt, als er im März 1943 in Paris von der französischen Polizei gefangenen genommen und den deutschen Besatzern übergeben wird. Als Zwangsarbeiter wird er zunächst nach Oranienburg gebracht, hat jedoch Glück: Als gelernter Fleischer kommt er in einem privaten Betrieb in Berlin-Schöneberg unter. Später wird er einem SS-Versorgungsbetrieb zugeteilt, wo er knapp einen Bombeneinschlag überlebt. Aufgrund seiner Arbeit in der Lebensmittelversorgung, hat Elola Zugang zu wichtigen Nahrungsmitteln, was ihm das Überleben sichert. Andere Zwangsarbeiter*innen werfen ihm deshalb Kollaboration mit den Deutschen vor. Nach schweren Bombenangriffen, die das Lager zerstören, kann Elola gemeinsam mit anderen Internierten eine Wohnung in der Stadt beziehen.

    Mitte April 1945 erlebt Marcel Elola den anhaltenden Beschuss Berlins durch die Alliierten im U-Bahnhof Alexander Platz. Hunderte Menschen suchen Schutz auf den Bahnsteigen des Berliner Tunnelsystems. Hier beobachtet Elola, wie Einheiten der SS und der Feldgendarmerie ununterbrochen Papiere kontrollieren und Deserteure zum Erschießen in den U-Bahntunnel führen. Kurz darauf müssen auch alle „Ausländer“ den Bahnhof verlassen und werden von bewaffneten SS-Einheiten als Marschkolonne durch das Stadtzentrum in Richtung Westen geführt. Erst als am nächsten Morgen die Bewacher davonlaufen, begreift Elola, dass die Rote Armee nicht mehr weit weg ist. In einem Dorf kurz vor Nauen erlebt er die Befreiung: „Gegen 18 Uhr am Abend wird die sowjetische Fahne mit Hammer und Sichel in der Mitte des Hofes gehisst. Mit dem, was gerade zur Hand ist, fabrizieren wir eine französische Flagge. Die Soldaten stimmen nach langem Hin und Her zu, sie neben der russischen Flagge zu hissen. Ein Pole muss übersetzen.“

    Von den Rotarmisten werden Elola und die Anderen nun zur Einebnung eines Flugplatzes auf einem nahegelegenen Feld eingesetzt. Die Arbeit ist hart und erschöpfend. Wenige Tage später lässt man sie auf LKWs steigen. Stoßstange an Stoßstange fahren sie in einem langen Zug in Richtung Osten. Auf den Ladeflächen sitzen Italiener, Niederländer, Serben, Polen und einige Franzosen. Auch ehemalige sowjetische Kriegsgefangene sind unter ihnen. Als die Kolonne nach 1.200 km ein Lager kurz vor Odessa erreicht, beschließt Elola zu fliehen. Gemeinsam mit zwei Niederländern und zwei Deutschen gelingt es ihm, die Wachen zu umgehen. Den deutschen Fahrer eines Versorgungs-LKWs können sie überreden, die Gruppe mit in Richtung Westen zu nehmen. Am Morgen des 19. Mai 1945 erreichen sie Fürstenwalde. Elola kehrt nach Berlin zurück, um von dort aus einen Weg in seine Heimat zu finden. Am 6. Juni 1945 erreicht er den Bahnhof Gare de l’Est in Paris. „Später,“ so erinnert sich Elola, „haben wir erfahren, dass die übrigen, nicht aus dem Lager in Odessa geflüchteten Franzosen erst viele Jahre später aus der UdSSR zurückgekommen sind.“

    (Marcel Elola: „Ich war in Berlin“. Ein französischer Zwangsarbeiter in Deutschland 1943-1945, Berlin: Divers Gens/Edition Berliner Unterwelten, 2005, S. 96)

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    Donnerstag, 17. Mai 1945

    "Prüf- und Durchgangslager": Rückkehr in die Sowjetunion

    Unmittelbar nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands am 8. Mai 1945 gelingt es den Alliierten schnell, eine Grundversorgung für die unzähligen Displaced Persons (DP) in Berlin sicherzustellen. Auch eine zügige Rückkehr in die Heimatländer soll gewährleistet werden, so werden bis zum Spätsommer 1945 fast täglich Tausende ehemalige Zwangsarbeiter*innen in ihre Herkunftsländer zurückgeführt. Im August 1945 leben in Berlin nur noch knapp 23.000 ausländische Staatsbürger.

    Bereits im Februar 1945 war auf der Konferenz von Jalta zwischen den Westalliierten und der Sowjetunion vereinbart worden, dass sowjetische Staatsangehörige in separaten DP-Lagern zu sammeln und „ohne Rücksicht auf individuelle Wünsche“ in die Sowjetunion zurückzuschicken seien. Hierfür wird eigens eine „Repatriierungsbehörde“ für die Rückkehr der Sowjetbürger geschaffen.

    Allein aufgrund der Tatsache, dass sie in deutsche Gefangenschaft geraten waren, stehen nun viele von ihnen unter dem Verdacht des Verrats. Ähnlich misstrauisch wie die sowjetischen Kriegsgefangenen werden die zivilen Zwangsarbeiter*innen beäugt, die man pauschal der Kollaboration mit den Nationalsozialisten bezichtigt. Nicht selten versuchen sie sich aus Angst vor Repression in der Heimat einer Rückführung zu entziehen.

    Der Großteil der sowjetischen DPs wird vor der Rückkehr in sogenannten „Prüf- und Durchgangslagern“ registriert und befragt. Teilweise werden derartige „Prüflager“ kurzerhand in den befreiten Zwangslagern des NS-Regimes eingerichtet. Im sowjetischen Hinterland entstehen daneben „Prüf- und Filtrationslager“. Hier werden die Rückkehrer*innen politisch überprüft und von Mitarbeitern des „Volkskommissariat für innere Angelegenheiten“ (NKWD) intensiv befragt.

    Die ehemalige ukrainische Zwangsarbeiterin N. S. Wladyschtschenko wird unmittelbar nach der Befreiung bei Berlin in die Rote Armee rekrutiert. Sie erinnert sich: „In der Sowjetarmee wurden wir mit Vorsicht aufgenommen, einige Male führten Mitarbeiter von Sonderabteilungen Gespräche mit mir. Mit solchem Verhalten wurde ich auch später in der Ukraine konfrontiert. Im Ergebnis dessen konnte ich in der ersten Zeit keine Arbeit finden.“

    Wer als verdächtig gilt, landet unter Umständen in einem Arbeitsbataillon oder einem Straflager in der Sowjetunion. Auch Galina Ippolitowna Wertaschonok muss sich nach ihrer Befreiung in Berlin wiederkehrenden Verhören unterziehen: „Wir hörten eine russische Stimme: ‚Russen rauskommen!‘ Es waren unsere russischen Soldaten. Wir weinten vor Freude, küssten und umarmten sie. Sie wiesen uns an, ins Hinterland unserer Truppen zu gehen. Der Weg war sehr lang und schwer. Danach landeten wir in einem Sammelpunkt. Dort gab es Vernehmungen, und wer die deutsche Sprache konnte, wurde gleich in den Zug verladen und ins Ungewisse verschickt.“

    Nicht selten ging mit dem Verdacht des Verrats eine jahrelange Stigmatisierung in der Heimat einher. So berichtet Galina Wertaschonok weiter: „In der Heimat wurden wir auf eine schwere Probe gestellt… 40 Jahre lang galten wir nicht als Menschen. Mehrmals wurden wir vom NKWD vorgeladen, wurden wieder und wieder vernommen.“

    (Quellen: Bericht von N. S. Wladyschtschenko, in: „So war es.“ Zwangsarbeit in der Region Dahme-Spreewald, Hrsg. Dahme-Spreewald e.V., Zeuthen 2002; Brief der ehemaligen Zwangsarbeiterin Galina Ippolitowna Wertaschonok an die Berliner Geschichtswerkstatt, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit – Sammlung Berliner Geschichtswerkstatt; Volker Ulrich, „Acht Tage im Mai. Die letzten Wochen des Dritten Reiches,“ München: C.H. Beck, 2020.)

     

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    Mai

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    Samstag, 19. Mai 1945

    Kaulsdorf: Rekrutierung in die Rote Armee


    Vielen Zwangsarbeiter*innen sowjetischer Staatsangehörigkeit (sog. „Ostarbeiter“) bleibt auch nach ihrer Befreiung kaum eine Möglichkeit mit der veränderten Situation umzugehen. Sofern sie bei Kräften sind und nicht der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt werden, verpflichtet die Rote Armee sie sofort zur Ableistung ihres Militärdienstes. Bereits während des Vormarschs auf die Reichshauptstadt rekrutierten die sowjetischen Truppen befreite Zwangsarbeiter*innen in die eigenen Reihen. Einige nahmen als Rotarmisten an der Schlacht um Berlin teil. Der ehemalige ukrainische Zwangsarbeiter Sigmund Iwanowitsch Sdorowezkij berichtet: „Unmittelbar nach der Befreiung Anfang April [sic!] wurde ich in die Sowjetarmee einberufen und wurde beim Sturm Berlins eingesetzt. In den Kämpfen um Berlin wurde ich verwundet und verschüttet. Die Sowjetarmee verfuhr mit mir wie mit allen.“

    Piotr Emeljanowitsch Besrutschko erinnert sich an seine Befreiung im Lager Kaulsdorfer Straße 90: „Eines Nachts im April wurde ich wach und im Lager waren unsere Panzer, Geschütze und Katjuschas. Die ganze Bewachung war geflohen. Morgens kamen unsere [Soldaten] in die Baracke und sagten, dass wir packen und uns draußen aufstellen sollten. Sie haben uns nach Strausberg geschickt … Am nächsten Tag wurden wir gebadet, wir bekamen Armeeuniformen und so waren wir schon in der Armee.“

    Viele befreite Zwangsarbeiter erleben den Einsatz für die Rote Armee als ehrenvolle Aufgabe, so etwa der Wasyl T. Kudrenko, der unmittelbar nach der Befreiung in Berlin für einen Oberleutnant arbeitet: „So vergeht unser Leben, fern von der Heimat, in der Höhle des zerschlagenen, besiegten faschistischen Tieres, das kapituliert hat… Ich habe beschlossen, ohne Schonung meines eigenen Lebens alle Kräfte für das Aufblühen und die Sache der Heimat zu geben.“

    Auch jenen die mit Enthusiasmus in den Militärdienst gehen, bleibt jedoch die politische Überprüfung durch Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes in der Regel nicht erspart. So notiert Kudrenko am 25. Mai 1945 in sein Tagebuch: „Heute ist mir bekannt geworden, dass ich auf Befehl des Abteilungsleiters zum Durchgangspunkt zwecks Weiterführung in die Sowjetunion fahren muss… Unser sowjetischer Sicherheitsdienst kontrolliert aufmerksam die Menschenströme, weil mehrere Verräter … nach Deutschland durchdrangen. Die Sicherheitskräfte haben immer recht. Ich habe Verständnis. Ich bin ein Unschuldiger, ich wurde unter Zwang verschleppt.“

    In den meisten Fällen verzögert die unmittelbare Rekrutierung in die Rote Armee die Rückkehr der ehemaligen Zwangsarbeiter in die Heimat um Monate oder gar Jahre. Der ukrainische Zwangsarbeiter Michail Iwanowitsch Kodasch muss vor 1945 zunächst bei der GASAG in Berlin-Köpenick arbeiten. Anschließend wird er im DEMAG Panzerwerk Berlin-Spandau als Laufbursche eingesetzt. Nach seiner Befreiung im Frühjahr 1945 in Nauen bei Berlin wird Kodasch für vier Jahre in die Rote Armee verpflichtet: „Ich habe als Traktorist gearbeitet. Zu Hause hat mich niemand erwartet.“ 1949 wird er in Halle (Saale) aus dem Militärdienst entlassen.

    Nicht nur Männer, auch sowjetische Frauen werden noch auf deutschem Boden von der Roten Armee verpflichtet und zu Arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt. Die Ukrainerin N. S. Wladyschtschenko berichtet: „Die Mehrzahl der männlichen Ostarbeiter ging zur kämpfenden Truppe, und ich arbeitete mit anderen Mädchen in der Armeeküche.“

    Auch Marfa Semjonowna Buchal aus Dudarkow in der Ukraine erinnert sich: „Uns befreite am 22. April 1945 die Rote Armee. Man schickte uns zu Fuß auf denselben Weg wie die Munition an die Front. In der Sowjetarmee machte uns niemand Vorwürfe… wir wurden aufgenommen wie Verwandte.“

    (Quellen: „Zwangsarbeit in Berlin 1938-1945, Hrsg. Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen, Berlin: Metropol-Verlag 2003; „So war es. Zwangsarbeit in der Region Dahme-Spreewald,“ Hrsg. Kulturlandschaft Dahme-Spreewald e.V., Zeuthen: 2011; Brief von Michail Iwanowitsch Kodasch an die Berliner Geschichtswerkstatt, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit; „Das Lagertagebuch des Zwangsarbeiters Wasyl T. Kudrenko,“ Hrsg. Wolfgang G. Krogel, Berlin: Wichern-Verlag 2005)

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    Montag, 21. Mai 1945

    Heimkehr: Pietro Cavedaghi

    „Es ist der 21. Mai, 9 Uhr morgens. Während ein Kamerad von mir isst, verbringe ich etwa eine Stunde damit, die Landkarte zu studieren, um zu sehen, welches der beste Weg nach Hause ist. Während ich die Landkarte betrachte, kommt plötzlich ein russischer Soldat vorbei und bleibt an der Tür stehen. Er ist schon etwas betrunken. Ich sitze mit der Landkarte in der Hand am Tisch und habe nicht daran gedacht, sie wegzulegen. Denn einige Russen, die den Grund dafür nicht verstehen, könnten mich für einen Spion halten. Es stimmt zwar, dass der Krieg vorbei ist, aber man kann nie wissen. Und genau das passiert jetzt tatsächlich.

    Der Russe nimmt mir die Karte aus der Hand und zieht mit seiner rechten Hand eine große Pistole, die er vor mir entsichert und auf meinen Kopf richtet. Als mein Kamerad Bertelli das sieht, versucht er mir zu Hilfe zu kommen. Aber der Russe versteht nicht und richtet die Waffe auf ihn. Er soll wieder zurückgehen. Die Waffe drückt er mir wieder an den Kopf.

    Der Russe fragt mich, was ich mit der Landkarte vorhatte. Ich antworte ihm, dass ich mir die Wege zurück nach Italien anschaute. Er versteht nicht. Und dann ist das Übel, dass ich mit ihm Deutsch spreche und er denkt, ich sei Deutscher.

    Etwa 10 Minuten lang hielt er mir die Pistole an den Kopf und fragte mich, was ich mit der Landkarte vorhatte. Ich antwortete, und er verstand nicht. Ich hatte keine Hoffnung mehr. Plötzlich beschließt er, mich zu fragen, ob ich Italiener bin. Ich antworte ja, darauf gibt mir der Russe zufrieden die Karte zurück.

    Er steckt die Pistole ins Futteral, verabschiedet sich von mir und sagt mir noch ‚Italiano gut-Bravo. Bald werdet ihr nach Hause fahren‘. Ich kehre immer noch ganz aufgelöst zu meinen Kameraden ins Haus zurück.“

    (Aus dem Tagebuch des ehemaligen italienischen Zwangsarbeiters Pietro Cavedaghi)

    Pietro Cavedaghi ist 19 Jahre alt, als er am 12. September 1943 von der Wehrmacht in Pinerolo gefangen genommen und in das Deutsche Reich verschleppt wird. In Berlin muss er für die Siemens-Schuckertwerke Zwangsarbeit leisten. Unmittelbar vor Kriegsende zwingen SS-Einheiten Cavedaghi und andere Zwangsarbeiter von einem Lager in Berlin-Schöneweide aus, auf einen Marsch in Richtung Spandau. Als die Bewacher plötzlich fliehen, setzt die Gruppe ihren Weg in Richtung Westen vor. Cavedaghi hofft so möglichst schnell die Frontlinie der Roten Armee zu erreichen. Am 24. April 1945 trifft die Gruppe in dem Dorf Satzkorn, bei Potsdam, auf die ersten sowjetischen Soldaten. Die Rotarmisten quartieren ihn und seine Begleiter in die umliegenden deutschen Häuser ein. Sie werden zur Arbeit in einem nahe gelegenen Lagerhaus eingeteilt. Das verschafft Cavedaghi die Möglichkeit sich mit ausreichend Lebensmitteln zu versorgen. In den darauffolgenden Tagen erlebt der Italiener die anhaltenden Kämpfe und die Rückeroberung des Dorfes durch deutsche Einheiten. Erst am 4. Mai wird Satzkorn endgültig von sowjetischen Truppen besetzt. Am 21. September 1945 erreicht Pietro Cavedaghi Italien.

    (Quelle: Pietro Cavedaghi, „Der Schmerz und die Erinnerung. Tagebuch der Gefangenschaft in Deutschland 1943-1945,“ Hrsg. Daniela Cavedaghi, Grafo 2005)

    Tags: Italien | Rückkehr
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    Mittwoch, 23. Mai 1945

    Befreiung und Nachkriegszeit: Ugo Brilli

    „Dann brachen wir auf. Wir gingen Richtung Polen. Manchmal haben sie [die Sowjets] uns angehalten, sie brauchten Arbeiter. Denn sie hatten alle Feldküchen und sie sagten uns, dass wir ihnen bei der Arbeit helfen sollten. Sie ließen uns Kartoffeln schälen, das Gemüse waschen. Am Abend hauten wir wieder ab und gingen weiter… Dann nahmen sie mich fest und brachten mich zu einer Fabrik, um sie zu demontieren. Eine Textilfabrik, die Stoffe machte. Die Maschinen ließen sie uns mit Holz verpacken und zunageln. Wir Italiener waren wirklich froh, sie gaben uns zu essen… Sie brachten sie uns in dieses Lager zurück. Dann brach diese Krankheit aus, und sie ließen uns gehen. Wir Italiener waren unter den Ersten. Es ging das Gerücht um: ‚Morgen geht es heim, es geht nach Italien zurück.‘ Ach du meine Güte, was für eine Freude. Und sie brachten uns bis zum Brenner.“ (Erinnerungen des ehemaligen Zwangsarbeiters Ugo Brilli)

    Ugo Brilli wird 1922 als zweites Kind in der toskanischen Gemeinde Pratovecchio geboren. Im Mai 1943 zieht die italienische Armee den 21-Jährigen zum Militärdienst ein. Als Italien im September desselben Jahres aus dem Krieg austritt, nehmen Wehrmachtssoldaten alle italienischen Militärangehörigen fest, so auch Ugo Brilli. Wie viele andere italienische Soldaten auch, weigert sich Brilli, für Hitler und Mussolini weiterzukämpfen. Die Wehrmacht deportiert ihn daraufhin in ein Kriegsgefangenenlager im brandenburgischen Luckenwalde.

    Von dort aus kommt Brilli als Zwangsarbeiter nach Berlin. Bei Siemens muss er zunächst Trümmer räumen. Während seiner Gefangenschaft lernt Brilli, sein eigenes Überleben zu sichern: „Als ich in Gefangenschaft geriet, merkte ich schnell, dass ich alles aufklauben musste, was ich konnte. Ob es Kartoffelschalen oder heruntergefallene Zigarettenstummel waren – sie waren für meine Kameraden und mich wertvoller als Gold.“ Zu Beginn seiner Gefangenschaft wiegt Ugo Brilli 71 kg, am Ende nur noch 48 kg.

    In einem Zwangsarbeiterlager in Berlin-Weißensee rettet ihm die Arbeit als Küchenhilfe das Leben. Auf dem Schwarzmarkt ersteht Brilli Zigaretten, mit denen er den deutschen Küchenchef besticht, um an seinem Arbeitsplatz bleiben zu können. Die Arbeit in der Küche ist vergleichsweise leichter, und er bekommt mehr zu essen. Ausgestattet mit diesen Privilegien beginnt Brilli bald, seine Kameraden mitzuversorgen.

    Als am 7. Mai 1944 eine Bombe in den Unterschlupf seiner Mitgefangenen einschlägt, sterben 53 von ihnen. Brilli überlebt mit großem Glück. Die Befreiung erlebt Ugo Brilli im GBI-Lager 75/76 (heute Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit). Die letzten Kriegstage hatte er in einem Luftschutzkeller abgewartet: „Am zweiten Tag kam … man hörte ein Scheppern und es kam eine Kolonne von Panzern und man sah die Sichel und den Hammer, da war rot … es waren die Russen.“
    Die Versorgung bricht zusammen, und Brilli muss in Kellern benachbarter Häuser nach etwas Essbarem suchen: „Ich wollte nicht stehlen, war aber durch den Hunger dazu gezwungen. (…) Plötzlich blickte ich in den Lauf einer Pistole. Der Besitzer verteidigte seine Vorräte und so musste ich ohne Kartoffeln fliehen.“

    Doch die Befreiung Berlins bedeutet für Brilli noch nicht das Ende seiner Zeit fernab der Heimat. Die Rote Armee lässt ihn zusammen mit anderen befreiten Italienern Richtung Polen marschieren. Dort werden sie erneut in einem Lager untergebracht und zur Demontage einer Fabrik eingesetzt.

    Als sich in dem Lager Typhus ausbreitet, beschließen die Sowjets, die Italiener nach Hause zu schicken. Im September 1945 kehrt Ugo Brilli schwer an Typhus erkrankt zu seiner Familie nach Italien zurück. Er heiratet und bekommt zwei Kinder. Heute lebt er in Norditalien.

    Am 9. Dezember 2019 erhält Ugo Brilli das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland als Anerkennung für seinen Beitrag zu einer gemeinsamem Erinnerungskultur in Deutschland und Italien.

    (Quelle: Interview mit Ugo Brilli am 22. April 2012 in Campi Bisenzio, Toskana, Sammlung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit)
     

    Tags: Italien | Rückkehr
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    Freitag, 25. Mai 1945

    Rückkehr nach Polen: Maria Kawecka

    „30 km fuhren wir mit dem Militär, Richtung Frankfurt (Oder). Es waren zwei Soldaten, die mit einem Pferdewagen fuhren und uns mitnahmen. Dann besorgte einer von ihnen einen Handwagen für uns. So liefen wir die Autobahn Berlin-Frankfurt entlang. Wir schliefen in den Wäldern, da das Wetter schön war. Zum Trinken hatten wir Wein. Immer suchten wir uns ein Gebüsch, jede hatte zwei Decken, wir breiteten die Farnblätter aus, dann die Decken und so schliefen wir. Wir hatten Angst, zu den Deutschen, aber auch zu den Russen zu gehen. Das dauerte sechs Tage. Etwa 10 km vor Frankfurt nahmen uns die Russen mit, dann setzten sie uns unweit vom Bahnhof ab. Aber es gab dort so viele Gleise, die sich kreuzten, dass wir nicht wussten, wie es zum Bahnhof ging. Wir trafen eine Deutsche, die uns den Weg erklärte… Zu essen hatten wir. Doch wir hatten solche Angst vor Hunger, dass wir in diesen sechs Tagen unsere Vorräte nicht verbrauchten… Wir erfuhren, dass ein Zug mit halbwegs normalen Waggons, zwar ohne Dach, aber mit Seitenwänden, bald abfahren sollte. Wir stiegen ein und so kam ich in Łódź an. Ich ging zu meiner Tante, schickte ein Telegramm nach Hause und meine Mutter kam mich abholen. So kam ich zu Hause an. Unsere Landwirtschaft war völlig heruntergekommen. Die Kinder waren inzwischen groß geworden.“

    Maria Kawecka ist 24 Jahre alt, als sie im April 1942 aus dem polnischen Piotrów zur Zwangsarbeit nach Güstrow verschleppt wird. Ihr gelingt die Rückkehr nach Polen, doch bei einer Razzia in einer Straßenbahn in Łódź am 17. November 1942 wird Kawecka erneut festgenommen und in ein Lager nach Berlin-Reinickendorf (Walderseestr. 21) verschleppt. Sie muss unter anderem bei der AEG und für die Firma Dr. Klaus Gettwart (Köpenicker Straße 50) in der Produktion von Flugzeug-­ und U­-Bootteilen arbeiten. Als die Fabrik der Firma bei einem Luftangriff im November 1944 schwer beschädigt wird, verlagert der Betrieb die Produktion nach Klausdorf bei Teltow. Hier erlebt Maria Kawecka am 28. April 1945 die Befreiung.

    In umliegenden Lagern sammelt Kawecka in den darauffolgenden Tagen mit zwei polnischen Freundinnen Lebensmittel, ständig auf der Hut vor sowjetischen Soldaten, die den polnischen Frauen im Ort nachstellen. Kawecka findet zunächst bei einer polnischen Familie aus Warschau eine Unterkunft, die nach dem Warschauer Aufstand in das Deutsche Reich verschleppt worden war. Sie teilen ihre Vorräte und versorgen sich gemeinsam. Im Juli machen sich Kawecka und eine polnische Freundin auf eigene Faust auf den Heimweg. Im Sommer 1945 sind die Fortbewegungsmöglichkeiten stark eingeschränkt und die Rückreise ist beschwerlich. So berichtet Kawecka: „Die Rückkehr in die Heimat war nicht einfach. Die Züge fuhren nicht, man musste sich anders zu helfen wissen. Meine Kolleginnen und ich luden den Proviant auf einen kleinen Handwagen. Auf diese Weise waren wir gut versorgt und vor Hunger geschützt.“

    Lebensmittel sind knapp und müssen oft im Tausch erstanden werden. In Poznań besorgt Kawecka etwas Zucker im Tausch gegen Tabak, den sie zuvor von einem Jungen bekommen hatte. Als sie zuhause ankommt, muss Maria Kawecka feststellen, dass von ihrer alten Heimat nicht viel übrig geblieben ist: „Als die Eltern zurückkamen, gab es dort weder ein Huhn, noch ein Schwein, noch eine Kuh, noch einen Pferdewagen. Es gab einfach nichts. Ich hatte also keine andere Wahl, als mir eine Arbeit zu suchen. So ging ich Richtung Westen.“ Später kehrt sie nach Łódź zurück, heiratet, bekommt zwei Kinder und findet eine Anstellung an der Technischen Hochschule. 2007 verstirbt Maria Kawecka mit 89 Jahren in Łódź.

    (Quelle: Interview mit Maria Andrzejewska, geb. Kawecka, Łódź, 22. August 2004; Brief von Maria Andrzejewska an die Berliner Geschichtswerkstatt, Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit)
     

    Tags: Polen | Rückkehr
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    Mai

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    Sonntag, 27. Mai 1945

    Befreiung und Emigration: Leonie und Walter Frankenstein

    „Wir wollten mit diesen Deutschen nicht zusammenleben. Ich hätte sie alle umbringen können. Die Russen haben damals gesagt, sie wollten aus ganz Deutschland einen Kartoffelacker machen. Wir dachten: ‚Sollen sie es nur machen! Wir hätten diese wirklich elegant eingerichtete Wohnung mit ihren schönen Möbeln behalten können… Mit der Arbeit hätte es auch schon irgendwie geklappt. Aber wir wollten nichts wie weg… Diese Deutschen erzählten: Oh wir haben von nichts gewusst. Wir kennen auch einen Juden, der sehr nett gewesen sei. – Es wurde einem übel davon.“ (Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiterin Leonie Frankenstein, Lebensgefährtin von Walter Frankenstein)

    Walter Frankenstein wird 1924 als Kind jüdischer Eltern im westpreußischen Flatow (heute Złotów) geboren. Dort betreiben seine Eltern eine Schankwirtschaft und einen Krämerladen. 1929 stirbt Walters Vater an einer Lungenentzündung. Zu seinem Vormund wird nun sein Onkel Selmar bestellt, der in Berlin eine Arztpraxis betreibt. Ab 1936 ist es Walter als Jude verboten, die öffentliche Schule zu besuchen. Doch seinem Onkel gelingt es, ihm einen Platz im Auerbach‘schen Waisenhaus in der Berliner Schönhauser Allee 162 zu vermitteln. Hier lernt Walter seine spätere Ehefrau, Leonie Rosner, kennen. Die beiden verlieben sich.

    In Berlin besucht Walter als leidenschaftlicher Fußballfan regelmäßig die Spiele des Berliner Fußballclubs Hertha BSC in der „Plumpe“, dem ehemaligen Stadion am Gesundbrunnen. 1939 macht die nationalsozialistische Gesetzgebung auch die Stadionbesuche unmöglich. Walter beginnt eine Maurerausbildung an der Bauschule der Jüdischen Gemeinde. Doch wie alle „arbeitsfähigen Juden“ müssen Walter und Leonie bald Zwangsarbeit leisten. Leonie kommt 1941 in eine Fesselballon-Fabrik in Berlin-Tempelhof. Walter wird vom SS-Reichssicherheitshauptamt angefordert und zunächst in der Emser Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf, dann auch in anderen SS-Ämtern in Berlin für Reparaturarbeiten eingesetzt. Das Paar ist nun der ständigen Gefahr der Deportation ausgesetzt.

    1942 heiraten Walter und Leonie trotz der widrigen Umstände. Im darauffolgenden Jahr bringt Leonie den gemeinsamen Sohn Peter-Uri zur Welt. Nur fünf Wochen nach der Geburt beschließt die Familie unterzutauchen. Sie verstecken sich in ausgebombten Häusern und finden schließlich Zuflucht bei Freunden: zunächst in Leipzig bei Leonies Stiefvater Theodor Kranz, dann bei Christen in Berlin. Aus Angst entdeckt zu werden gelingt es Leonie schließlich, gemeinsam mit ihrem Sohn unter nicht-jüdischer Identität einen Unterschlupf bei einer Bäuerin in Brisenhorst (Brzeźno) zu finden. Walter bleibt in Berlin und versucht der Familie so ein Einkommen zu sichern. Er betätigt sich auf dem Schwarzmarkt wo er auch andere untergetauchte Juden und Jüdinnen (sog. „U-Boote“) kennenlernt. Im Krankenhaus Landsberg an der Warthe wird im September 1944 Michael, der zweite Sohn des Ehepaares, geboren.

    Im Frühjahr 1945 kehrt Leonie schließlich mit den Kindern zurück in die Reichshauptstadt. Die letzten Kriegstage erlebt die Familie unter anhaltendem Artilleriebeschuss in einem öffentlichen Bunker am Kreuzberger U-Bahnhof Kottbusser Tor. Am 28. April 1945 werden die Frankensteins endlich von sowjetischen Truppen befreit. Sie geben sich als Juden zu erkennen, doch schon bald kommen unter den sowjetischen Offizieren Zweifel auf. Leonie erinnert sich: „Sie sagten, es hätten schon so viele Deutsche behauptet, Juden zu sein. Seit 1936 gebe es doch gar keiner Juden mehr in Deutschland. Und dann hätten sie uns im Bunker zusammen mit deutschen Frauen und Kindern gefunden.“ Doch dem Ehepaar gelingt es, die Offiziere von ihrem Bericht vom Leben in der Illegalität zu überzeugen.

    Die Frankensteins beziehen zunächst eine Wohnung in der Emser Straße 6 in Berlin-Neukölln. Die Unterkunft hatte Walter über Kontakte zu einer kommunistischen Gruppe aufgetan: „Wir erzählten ein bisschen von uns und sagten, dass wir eine Wohnung bräuchten. Sie boten uns eine Vierzimmerwohnung in Neukölln an. Da hatten vorher Nazis gewohnt.“ In der Wohnung finden Walter und Leonie Unterlagen der NSDAP, eine Parteiuniform und eine Pistole, so erinnert sich Walter: „Ich nahm die Pistole in die Hand und die Uniform unter den Arm und lief damit zu dieser kommunistischen Zelle. Ich war ja so naiv: Wenn mich ein Russe gesehen hätte, der hätte mich glatt auf der Straße erschossen.“

    Doch schnell steht für die Familie fest, dass sie in diesem Land nicht bleiben möchte. Noch im November 1945 gelingt Leonie mit den Kindern die Emigration in das britische Mandatsgebiet in Palästina. Walter wird bei dem Versuch von britischen Behörden gefasst und wegen illegaler Einwanderung zunächst auf Zypern, dann in Palästina in einem Lager interniert. Erst im Spätsommer 1947 findet die Familie wieder zusammen. Mit der Ausrufung des israelischen Staates 1948, wird Walter zum Wehrdienst einberufen. 1956 emigriert die Familie schließlich nach Stockholm, wo Leonie Frankenstein am 19. Mai 2009 verstirbt.

    Bis heute besucht Walter Frankenstein regelmäßig Berlin und tritt als Zeitzeuge auf, um von seinen Erlebnissen zu berichten. Für sein Engagement erhält er am 30. Juni 2014 das Bundesverdienstkreuz. 2018 besucht Walter zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges ein Fußballspiel seines Lieblingsvereins Hertha BSC – auf einer Ehrenloge im Olympiastadion. Der Verein hat ihm die Ehrenmitgliedschaft mit der Nummer 1924 verliehen, seinem Geburtsjahr.

    (Quelle: Klaus Hillebrand, „Nicht mit uns. Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein,“ Frankfurt a.M: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 2008)

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    Mai

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    Dienstag, 29. Mai 1945

    Rückkehr nach Italien: Tiziano Di Leo

    „Bernau. Die Franzosen, Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, sind diesen Abend in die Heimat aufgebrochen. Güterzüge sind eingetroffen, um sie abzuholen und sie an die Elbe zu bringen, wo die Amerikaner auf sie warten. Auch unsere Nachbarn, die neun Franzosen aus der Unterkunft nebenan, sind mit viel Lärm aufgebrochen. Für sie beginnt nun der letzte Abschnitt dieser 5-jährigen Odyssee. Einer langen und beschwerlichen Odyssee, so wie auch für uns Italiener. Es beginnt die letzte Etappe der Aufopferung, die sie jedoch frohen Mutes auf sich nehmen, hinsichtlich der Tatsache, dass es nun nach Hause geht. Einige Nächte werden sie noch auf Stroh schlafen müssen, im Angesicht des Chaos, aber was soll’s. Es geht nun nach Hause… Bis Mitternacht habe ich gestern im Kerzenschein mit ihnen gequatscht. Wir erzählten von unserer Heimat, von der baldigen Rückkehr, von zu Hause, von unseren Müttern. Sie berichteten von Paris mit einer Begeisterung und Leidenschaft, mit der sie jeden hätten anstecken können… Sie haben mir ihre Adressen gegeben und ich werde ihnen mit Sicherheit schreiben: In Erinnerung an die kurze Freundschaft, die wir nach der Befreiung geschlossen hatten.“
    (Aus dem Tagebuch des ehemaligen italienischen Zwangsarbeiters Tiziano Di Leo)

    Tiziano Di Leo wird am 19. November 1920 in Turin geboren. Nach dem Kriegsaustritt Italiens erlebt der junge Rekrut am 9. September 1943 die Besetzung Norditaliens durch die Wehrmacht. In Ancona gerät Di Leo, so wie Hunderttausende andere Italiener, die sich weigern, weiter für den Faschismus zu kämpfen, in deutsche Gefangenschaft. In einem Viehwaggon wird Di Leo in das Sammellager Stalag III A bei Luckenwalde gebracht. Hier muss er eine medizinische Untersuchung durchlaufen und wird schließlich zur Zwangsarbeit als Dreher bei den Siemens-Schuckertwerken in Berlin-Spandau eingeteilt. Am 15. September 1943 erreicht Di Leo das Arbeitslager Salzhof. Nach einem Bombentreffer wird er jedoch in das Lager 159 in der Spandauer Reichsstraße verlegt. Die Lebensbedingungen im Lager sind hart und es mangelt an grundlegenden Lebensmitteln. Unter Bewachung muss Di Leo mit seinem Arbeitskommando täglich von Spandau-Hakenfelde aus etwa 10 km nach Siemensstadt marschieren.

    Als im Frühjahr 1945 die sowjetische Offensive auf die Reichshauptstadt beginnt, notiert Di Leo in sein Tagebuch: „Berlin geht in die Knie!“. Die Italiener hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges. Doch Di Leo wird nach Müncheberg gebracht, hier soll er mit anderen Gefangenen Panzersperren errichten. Im Angesicht der vorrückenden Roten Armee muss er 18. April nach Berlin zurückkehren, diesmal in das „Italien-Lager“ am Tegeler Weg beim Bahnhof Jungfernheide. Hier erlebt Tiziano Di Leo am 26. April die Befreiung durch die Rote Armee.

    Durch das zerstörte Berlin werden die befreiten Italiener zunächst in ein internationales Sammellager nach Wittenau gebracht. Viele von ihnen, versuchen von hier aus, auf eigene Faust in die Heimat aufzubrechen. Als sowjetische Truppen verlauten lassen, dass das Lager in Wittenau für militärische Zwecke benötigt wird, muss Di Leo erneut weiterziehen. Gemeinsam mit etwa 500 anderen Befreiten - Italiener, Franzosen und Niederländer - wird Di Leo am 8. Mai nach Bernau verlegt. In seinem Tagebuch vermerkt er: „Halb Bernau ist von Deutschen geräumt worden. Die schönen Jugendstilvillen sind mit russischen Frauen belegt. Hier ist aus heiterem Himmel ein russisches Dorf entstanden. Wenn man zwischen den Villen entlang spaziert, bleibt einem der Mund offenstehen: so viele unterschiedliche Farben, bunte Röcke, Kleidungsstücke jeglicher Mode… Sie alle haben so gelitten und jetzt genießen sie das Leben… Die meisten von ihnen mussten unter ständigem Bombardement mit Schaufeln und Spitzhacken ackern, sie wurden wie Sklaven behandelt. Jetzt ist das alles für sie nur noch eine Erinnerung.“

    Am 1. Juni 1945 bricht Tiziano Di Leo aus Bernau auf, zunächst in Richtung Buckow (Märkische Schweiz), wo bereits etwa 20.000 ehemalige italienische Zwangsarbeiter auf die Heimreise warten. Mit einem Handkarren gelangt er schließlich nach Müncheberg. Mit einem Güterzug kann er weiter in Richtung Italien reisen. Am 4. September 1945 erreicht Tiziano Di Leo seine Heimatstadt Fabriano.

    (Quelle: Tiziano di Leo, „Berlino 1943 – 1945. Diario di Prigionia,” Hrsg. Centro Studi don Giuseppe Riganelli, Fabriano: 2000; Bildmaterial: Familie Di Leo, Dank an Gianfranco Ceccanei für die Beschaffung)

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    Sommer 1945

    Schwanenwerder: Familie Schertz

    „Das Barackenlager war hochgradig verschmutzt, voller Ratten, und die Räume selbst waren tierisch verwanzt. Der uns zugewiesene Raum für drei Personen war etwa drei mal vier Meter groß… Die ersten Tage und Wochen dienten der Ungezieferbekämpfung... Klar wurde uns dabei natürlich auch, unter welchen Bedingungen die ‚Fremdarbeiter‘, wie sie in den Jahren zuvor bezeichnet worden waren, untergebracht waren.“ (Erinnerungen von Georg Schertz, Anwohner der Insel Schwanenwerder)

    Georg Schertz ist 10 Jahre alt, als die Kämpfe um die Reichshauptstadt am 25. April 1945 die Ortsteile Wannsee und Zehlendorf erreichen. Familie Schertz bewohnt ein Haus in der Inselstraße 2 auf der Insel Schwanenwerder, die kurz darauf von sowjetischen Einheiten besetzt wird. Anfang Juni rücken amerikanische Einheiten auf der Insel ein, um die Verwaltung in den künftigen Westsektoren zu übernehmen. Die Villa Baginski in der Inselstraße 16 wird als Quartier für den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte ausgewählt und beschlagnahmt. Wenig später händigen amerikanische Behörden Fragebögen an die deutschen Inselbewohner*innen aus, die sofort auszufüllen sind. „Es sollten so alle deutschen Anwohner auf Herz und Nieren geprüft werden, ob von diesen eine Gefahr für General Eisenhower ausgehen könnte,“ erinnert sich Georg Schertz. In den folgenden Tagen laden die Behörden die Anwohner*innen zu Befragungen vor. Etwa zehn von ihnen werden angewiesen die Insel unmittelbar zu verlassen. Familie Schertz erhält eine Erlaubnis, zunächst bleiben zu können.

    Am Morgen des 7. August 1945 klingelt es an der Tür des Familienhauses und der 10-Jährige öffnet einem amerikanischen Armeeangehörigen die Tür. Der Vater eilt herbei und nimmt den trockenen Befehl der Dolmetscherin entgegen: „Sie verlassen bis heute 21.30 Uhr das Haus. Sie haben verstanden!“
    Mit Familie Schertz werden nun auch die anderen Berliner Bewohner*innen Schwanenwerders zum Verlassen der Insel aufgefordert. Der Auszug wird militärisch abgesichert. Georgs Eltern raffen zusammen was, sie in der kurzen Zeit greifen können. Zunächst ist unklar, wohin die Familie gehen soll. „Es war den Amerikanern auch egal,“ erinnert sich Georg Schertz, „das war aus ihrer Sicht eine deutsche Angelegenheit.“

    So wird das ehemalige Zwangslager gegenüber der Wannseeterassen das neues „Zuhause“ der Familie Schertz. Das Lager war in der NS-Zeit zur Unterbringung von zivilen Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen errichtet worden. Gemeinsam mit anderen Berliner*innen teilen sie sich hier eine Holzbaracke, pro Familie ein Raum von etwa drei mal vier Metern Größe. Die Stuben sind dreckig und von Ungeziefer befallen. Um ihren Raum zu betreten, muss Familie Schertz den Nebenraum, der einer anderen Familie zugeteilt worden war, durchqueren. „Bei alledem meisterten meine Eltern die Situation irgendwie. Ich kann mit den Monaten, die wir dort verbrachten, nicht die Erinnerung verbinden, sehr gelitten zu haben,“ berichtet Schertz später. Den Weg zur Schule in Zehlendorf legt der Gymnasiast im Herbst 1945 von hier aus zu Fuß durch den Wald und anschließend vom S-Bahnhof Nikolassee mit der S-Bahn zurück. Schertz erinnert sich: „Ein oder zweimal gelang es mir, doch noch in unser Haus auf der Insel zu kommen, vorgeblich um ein Spielzeug herauszuholen. In Wahrheit aber, um unter der Kleidung eine Unterlage mitzubringen, die mein Vater dringend benötigte.“

    Als die Amerikaner im April 1946 die Insel verlassen, kehrt die Familie nach Schwanenwerder zurück. Zunächst sehr misstrauisch: Die Nachricht, die Amerikaner hätten die Insel verlassen, hatte sich schon zuvor mehrmals als Gerücht entpuppt. „Wir fanden das Haus völlig offen und so jedermann zugänglich vor,“ berichtet Georg Schertz. „Innen sah es schrecklich aus. Unser gesamter Hausrat war zerbrochen, zertrampelt, verschmutzt.“ Doch diesmal kann die Familie tatsächlich bleiben: „Wir waren wieder zu Hause, nichts war wichtiger.“ Und Schertz bemerkt weiter: „Bei alledem, ich will nicht missverstanden werden, zwar war es wie beschrieben, aber es war eben noch die Zeit der ‚Sieger‘ über ein Nazi-Deutschland, das einen verbrecherischen Krieg angezettelt und großes Unglück über viele Völker und Menschen gebracht hatte.“

    (Quelle: Georg Schertz, „Erinnerungen an das Kriegsende und die frühen Nachkriegsjahre in Berlin,“ in: Jahrbuch des Landesarchivs Berlin, Hrsg. Werner Breuning und Uwe Schaper, Berlin: Gebr. Mann Verlag, 2018)